Spaniens Ausbrecherkönig muß für weitere zwölf Jahre ins Gefängnis

Von Volker Mauersberger

Im Schwurgerichtssaal des Strafgerichts von Madrid kehrte urplötzlich Ruhe ein. Für einen Augenblick schien es, als hielten sich die drei Männer in der Anklagebank aufrechter als zuvor. Immer wieder waren die Blicke der Anwesenden zu ihnen hinübergewandert, und oft hatte man im Gemurmel des Publikums ihre Namen hören können: die Namen von „El Lute“, dessen: bebrilltes Schnurrbartgesicht eher an die Erscheinung eines Intellektuellen erinnert, und die seiner beiden Brüder „El Lolo“ und „El Toto“.

Die Sechste Kammer des Madrider Strafgerichts sprach das Urteil in einem Prozeß, auf dessen Beginn die drei Angeklagten und Spaniens Öffentlichkeit lange gewartet hatten. Denn mit Eleuterio Sanchez, wie „El Lute“ mit bürgerlichem Namen heißt, schien auch eine Epoche des Frankismus auf der Anklagebank zu sitzen, und lange vor Beginn dieses Prozesses hatten spanische Zeitungen gefordert, den drei Brüdern ihre Strafen zu erlassen.

Zu einem Freispruch konnte sich die Kammer nicht entschließen, aber ihr Urteil fiel relativ milde aus: El Lute muß für weitere zwölf Jahre ins Gefängnis, allerdings mit der Einschränkung, daß ihm „bei guter Führung“ nach sechs Jahren der Rest der Strafe erlassen wird. Immerhin war der Staatsanwalt bei der Addition des Strafmaßes für sämtliche Delikte auf über tausend Jahre gekommen. Als ihn der Staatsanwalt zu Beginn des Prozesses nach Verlesen der Anklageschrift gefragt hatte, ob er zur Aufzählung der Straftaten etwas zu sagen habe, hatte sich Eleuterio Sanchez erhoben, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und mit fester Stimme gesagt: „Hören wir mit dem Mythos von ‚E1 Lute‘ endlich auf. Eleuterio Sanchez ist keine Gefahr mehr für Sie, denn er ist ein Mensch wie jeder andere. Er lebte immer zwischen zwei Kulturen und will diese Kluft endlich überwinden. Ich spreche für mich und meine Brüder – geben Sie uns eine Chance!“

Während der Prozeßtage lebte ein Mythos wieder auf, der Spanien dreizehn Jahre in seinen Bann schlug und der sich immer noch mit dem Namen El Lute verbindet. „Lauf oder verrecke“, heißt seine auf spanisch erschienene Autobiographie, die er während der Madrider Buchmesse im Stil eines populären Volkshelden präsentierte. Seine langjährige Vertraute, Kristina Bonilla, hat das bewegte Leben von El Lute sogar in Romanform aufgeschrieben (El Lute – die letzte Flucht, Piper-Verlag, München 1978), aus der sich diese Existenz zwischen „zwei Kulturen“ in eindringlicher Schilderung ergibt:

Eleuterio Sanchez ist seit seiner Geburt im Jahre 1935 ein „quinqui“ gewesen, wie die Abkürzung für „quincallero“ im Spanischen heißt – ein Kesselflicker, der gewöhnlich mit Tagedieben, Wegelagerern oder Zigeunern in einem Atemzug genannt wird und der das hochmütige Vorurteil seiner Umwelt oft zu spüren bekam. Auf einem Mauleselkarren kam der junge Eleuterio eines Tages mit seiner Frau in Madrids Baracken vorstadt Vallecas an, fand in einer armseligen Hütte Unterkunft und schlug sich wie alle „quinquis“ mit Aushilfsarbeiten durch. „Sie alle hatten; ihr Vieh und Land verkauft Und sich auf die Reise in ein neues Leben gemacht. Sie träumten vom Geld und endeten in Baracken“, schreibt Kristina Bonilla in ihrem Buch, und Eleuterio Sanchez bekennt im Vorwort seiner Autobiographie, daß er mit einem X- und einem P-Chromosom auf die Welt gekommen sei – das P habe für „prisión“ (Gefängnis) gestanden.