Mit den "Überlebensopfern" von Selbstmorden beschäftigt sich eine Untersuchung der Psychologen Vera Andress und David Corey von der Loma Linda Universität im kalifornischen Riverside. Entgegen der populären Annahme, ein Suizid werde fast immer in völliger Abgeschiedenheit begangen, stellten sie bei ihrer Analyse von mehr als 1000 Freitoden im Riverside County zwischen 1960 und 1974 fest, daß bei jedem fünften Freitod mindestens eine Person in der Nähe war. Die Hälfte dieser Selbstmord-Augenzeugen befand sich im selben Raum und konnte das Geschehen direkt verfolgen, während die übrigen sich entweder in einem angrenzenden Raum aufhielten – oder aber im Todeszimmer durch Fernsehen oder Ähnliches abgelenkt waren. Wenn zu den "Zeugen" auch jene Personen gerechnet werden, die unmittelbar vor der Tat telephonisch oder Schriftlich von den Lebensmüden über die anstehende Tat informiert worden waren, dann lief sogar ein Viertel der Selbsttötungen unter Zeugen ab. In fast der Hälfte aller Fälle mußten die Ehepartner, je in etwa zehn Prozent die Kinder oder Freunde das freiwillige Ende miterleben. Ob irgendeiner dieser Menschen eine Möglichkeit gehabt hätte, die Tat in jenem Augenblick zu verhindern, ist nach Ansicht der Suizidforscher fraglich. Jedenfalls bewirkt dieses Zusammentreffen offensichtlich, daß sich der "Zeuge" für den von ihm miterlebten Freitod verantwortlich fühlt. Sind die Hinterbliebenen von natürlich Verstorbenen ohnehin schon anfälliger für körperliche Erkrankungen und seelische Störungen als nichttrauernde Vergleichspersonen, so leiden die "Überlebensopfer" von Suiziden zusätzlich unter "komplexen und äußerst verwirrenden Gefühlen wie Scham, Schuld, Haß und Bestürzung". Für sie sollten geeignete Hilfsmaßnahmen angeboten werden, meinen Andress und Corey. Schließlich handelt es sich hier um ein Gesundheitsproblem ersten; Ranges: Bei jedem der jährlich rund 25 000 US-Selbstmörder (Bundesrepublik: 13 900) rechnen die Forscher mit sechs Hinterbliebenen. Die "Zeugen" unter ihnen haben Hilfe am nötigsten.

E. S.