Die Eritreische Volksbefreiungsfront hat in ihrem Unabhängigkeitskampf mit dem Verlust der Stadt Keren eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Den Kampf gibt sie dennoch nicht auf.

Die direkte sowjetische Intervention auf Seiten der äthiopischen Truppen ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, Leben und Ernte sind zerstört worden – unser Volk wird vernichtet." Derart beschuldigte vor wenigen Tagen Ande Berhan, offizieller Sprecher der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF), die Sowjetunion des Genozids an seinem Volk. Wenige Stunden davor hatten massive äthiopische Kampf Verbände die im Herzen Eritreas gelegene Stadt Keren zurückerobert. Die gegen Äthiopien um einen eigenen Staat kämpfende Befreiungsfront, der es Schritt um Schritt gelungen war, den 40 000 Quadratkilometer großen Nordwesten Eritreas unter ihre Kontrolle zu bringen, hat damit eine wichtige Bastion im Kampf um die Autonomie verloren.

Äthiopische Diplomaten verkündeten denn auch stolz: "Das Rückgrat der Sezession ist gebrochen, und die Rebellion ist definitiv beendet." Major Mengistu Haile Mariam, Chef des Äthiopien regierenden provisorischen Militärrates (DERGUE), weilte am Tag des Sieges zu Gesprächen in Moskau. Ob sein von dort versandtes Glückwunschtelegramm seine Truppen erreichte, ist unsicher. Sicher ist allerdings, daß die darin vom Regierungschef geäußerte Behauptung, die Äthiopier hätten sich durch ihren heldenhaften Mut diesen Sieg allein verdient, von der Wirklichkeit ein gutes Stück entfernt ist. Mehr Glauben wird man dem Kommunique der Verlierer schenken müssen. Diese machten die direkte Intervention der Sowjets für den Verlust der Stadt verantwortlich.

Die eritreischen Unabhängigkeitskämpfer hatten die äthiopischen Truppen monatelang gezwungen, sich in den Städten Asmara und Massaua einzuigeln. Beflügelt von den zahlreichen militärischen Erfolgen erklärte Isaias Afewerki, Vorsitzender des Zentralkomitees der EPLF, noch vor einem Monat in Keren: "Nie wieder werden die Äthiopier dieses Land zurückbekommen. Mit dem Bewußtsein unserer Soldaten und der Hilfe des Volkes werden wir diesen Krieg gewinnen." Zu diesem Optimismus hatte er Grund genug, denn binnen Jahresfrist hatten die zuvor nur in der unzugänglichen Bergwelt operierenden Guerrilleros mehr als ein Dutzend Städte erobert. Den Äthiopiern waren nur noch eine Handvoll Ortschaften geblieben, und auch die mußten sie aus der Luft versorgen.

Die beiden großen eritreischen Befreiungsfronten, die ihre ursprüngliche Rivalität zugunsten eines vereinigten Oberkommandos aufgegeben hatten, kontrollierten im Sommer 78 fast zwei Drittel Eritreas. Vertreter des schwedischen Roten Kreuzes, die das EPLF-Territorium durchreist hatten, berichteten von einer erstaunlichen Aufbauarbeit im befriedeten Hinterland.

Kämpfen aus eigener Kraft

Die 1970 gegründete, von Marx und Mao beeinflußte EPLF will in der Tat mehr als nur die Befreiung von den Äthiopiern, die sie als Besatzungsmacht empfinden. Nach jahrzehntelanger kolonialer Abhängigkeit will sie ihren Landsleuten auch die Befreiung von Hunger, Krankheit und Unwissenheit bescheren. Gemäß Maos Wahlspruch: "Kämpfe mit der einen und arbeite mit der anderen Hand" haben die EPLF-Kämpfer im ganzen Land Straßen, Schulen und Krankenhäuser errichtet. In einer geschickten Vereinigung von marxistischer und maoistischer Theorie machten sie die Arbeiter zur Vorhut und die Bauern zum Rückgrat der Revolution. Die Massenbewegungen der Kinder, Frauen, Arbeiter und Bauern sind zur Stütze der EPLF im Volk geworden. Als Gegenleistung für diese konsequente Aufbauarbeit strömten immer mehr Eritreer zu den Waffen, und die EPLF dürfte heute mindestens 30 000 Kämpfer in ihren Reihen haben.