Hannover/Friedland

Schon in der vergangenen Woche war in einer hannoverschen Buchhandlung eine ungewöhnliche Bestellung eingegangen. Das niedersächsische Ministerium für Bundesangelegenheiten, auch zuständig für Asylfragen, hatte mehrere Exemplare eines deutsch/vietnamesischen Wörterbuchs geordert. Minister Wilfried Hasselmann wollte sich mit seinen Beamten eines der exotischen Bücher teilen, drei sollten ins Lager Friedland geschickt werden. Ungewöhnliches kam auf Niedersachsen zu. Trotz der rasanten Entwicklung seit Ernst Albrechts Beschluß, 1000 Flüchtlinge vom Schreckensschiff "Hai Hong" nach Niedersachsen zu holen, bemühte sich die deutsche Bürokratie um ein geordnetes Verfahren. Der Amtsschimmel wurde auf Trab gebracht, bald schien er nur noch aus chinesischen Augen zu schauen.

Am Sonntag kamen sie. Kurz vor sieben Uhr war die Boeing 707 der Bundesluftwaffe auf Hannovers Flughafen Langenhagen ausgerollt. 163 Asiaten betraten im feucht-kalten Dezemberwetter deutschen Boden, 71 von ihnen jünger als 14 Jahre. Unverzagt schritten sie durch die Barriere von Absperrgittern, Grenzschutzbeamten und Rot-Kreuz-Helfern, immer weiter, nicht einmal überrascht vom unzählbaren Aufgebot an Berichterstattern, Mikrophonen, Blitzlichtern, Scheinwerfern und Kameras. Es herrschte Ruhe. Die buntgekleidete Schar fröstelte. Die Decken wärmten die schmächtigen Körper ein wenig, die blau-schwarzen Haarschöpfe der Kleinen verschwanden ganz unter der braungrauen Wolle. Tischreihen waren in der Abflughalle aufgestellt worden, Tee wurde serviert, Hühnersuppe mit Reis. Ministerpräsident Albrecht begrüßte die Vietnamesen, versprach ihnen in Deutschland ein Leben ohne Furcht. Dann schlug die Welle der Reporter über den geduldig-freundlichen Asiaten zusammen. Für sie konnte sich alles doch nur zum Besseren wenden.

Zwei Stunden später ging die Reise weiter. Eine Irrfahrt sollte es von jetzt ab nicht mehr sein. "Anfangs sackten sie alle zusammen", berichtet ein Busfahrer, "dann aber wurden sie lebhaft, bald konnte ich kaum noch mein Radio hören." Am Rastplatz Seesen mußte eine ungeplante Pause eingelegt werden. Ski-Touristen, die am Harzrand schnell noch nachtankten, rieben sich die Augen angesichts der vorbeihuschenden, ungewöhnlichen Figuren in Decken, Sommerkleidung und Trainingsanzügen.

Im Grenzdurchgangslager Friedland machten gerade 347 Übersiedler die erste Station im Westen, der größte Teil aus Polen. Fast vollzählig erwarteten sie die Neuankömmlinge. Die Glocken läuteten. Viele zogen Hut und Mütze. Da schienen noch Ärmere zu kommen als sie selbst. Im Speisesaal sollte Adventsstimmung herrschen. Doch erst einmal hielt die Medienmasse den Einzug der elenden Exoten fest. Schweigen, trotz der Vielzahl von Menschen. Kinderweinen. Gelassen betreten die Flüchtlinge aus dem Fernen Osten den Raum. "Fatalistisch", sagt jemand, doch sie lächeln, winken, schütteln Hände. Bedrückt erscheint niemand, die Kleinen nicht, auch nicht die Alten. Hier und dort ein verschmitztes Schmunzeln. "Die sehen ja ganz fröhlich aus", staunen zwei DRK-Schwestern, "und das nach all dem Elend auf dem Schiff." Es gibt schwarzen Tee, Beutel mit Früchten, die Schokoladenbrezeln bleiben unberührt. Die warmen Decken werden nicht losgelassen. Auf den Pullovern und Jacken heftet ein Kärtchen, eine Nummer ist aufgedruckt. Die großäugigen Kinder haben es den Niedersachsen angetan: "Einen verwaisten kleinen Vietnamesen würde ich sofort adoptieren." Es sind aber Familien gekommen. Sie brauchen Hilfe. Die von der "Hai Hong" haben nicht viel herübergerettet. Ihre Taschen, Beutel und Rucksäcke enthalten Plunder, persönliche, materiell wertlose Habseligkeiten. Das meiste ist noch feucht vom Seewasser.

Aus Göttingen, Braunschweig und Hildesheim sind Vietnamesen gekommen, Flüchtlinge, die schon früher Asyl fanden, auch Studenten, Ärzte. Sie übersetzen, reden, helfen ordnen. Ihre wichtigste Zusicherung: "Die Deutschen sagen, die Familien bleiben zusammen." Erleichterung. Eine Schrift liegt auf den Tischen. Ihr Titel: Doi song tai ty duc. Zum zweitenmal ist sie aufgelegt, ein Leitfaden der Caritas für das neue Leben der Flüchtlinge. Drei vietnamesische Studentenorganisationen in der Bundesrepublik haben Beiträge geliefert. Eine Broschüre mit den so vertrackten Kleinigkeiten des deutschen Alltags. Vom Briefporto bis zur Größe der Bundesländer, von den Eßgewohnheiten bis zu den Regeln der Behörden. Die 240 Vietnamesen, von denen viele ins Lager gekommen sind, haben sich gut in Niedersachsen eingelebt. Die meisten sind schon seit Jahren hier. Ihren Landsleuten geben sie Tips und Aufmunterung.

Später trifft Heinrich Maria Janssen ein, der "Flüchtlingsbischof" der katholischen Kirche. Auf sein Segnungszeichen reagieren nur wenige Asiaten. Jeder fünfte von ihnen hat die katholische Konfession. Weit mehr, 60 Prozent, sind Buddhisten. Die meisten sind chinesischer Abstammung. Ihr Beruf: Handwerker. Spätestens in zehn Tagen soll dieser erste Treck der Vietnamesen in andere Heime gebracht werden. Das Lager kann nicht alle aufnehmen, die aus Asien herübergebracht werden. Schon Dienstag früh trafen noch einmal 169 ein. Außerdem kommen immer wieder Übersiedler aus Polen. Zu Weihnachten herrscht Hochbetrieb.