Von Karl Brunner

Vor etwa fünfzehn Jahren prophezeite Time Magazine ein neues Zeitalter. Man verkündete mit Zuversicht die planvolle Kontrolle der volkswirtschaftlichen Makroprozesse. Die staatliche Wirtschaftspolitik besitze die Einsicht und die notwendigen Mittel zur wirksamen Lenkung der Gesamtbeschäftigung und Gesamtproduktion. Konjunktureinbrüche oder anhaltend hohe Arbeitslosigkeit seien durch Manipulation der Gesamtnachfrage eindeutig vermeidbar.

Die von Time so verheißungsvoll verkündete "neue Einsicht" beruhte auf zwei wesentlichen "Bausteinen". Anfangs der sechziger Jahre hatte sich Keynes’ intellektuelle Erbschaft weitgehend an den Universitäten durchgesetzt und beeinflußte zusehends Medien, wirtschaftspolitische Büros und Politiker. Die zentrale These des Keynesianischen Weltbildes behauptet, daß Bewegungen und Niveau der Gesamtbeschäftigung durch die Gesamtnachfrage dominiert sind.

Das in einer Unzahl von Lehrbüchern verankerte volkswirtschaftliche Bild behauptet weiterhin, daß die Gesamtnachfrage durch Geld- und vor allem durch Fiskalpolitik wirksam in der gewünschten Richtung und im notwendigen Ausmaß manipuliert werden kann. Gesamtbeschäftigung und volkswirtschaftliche Gesamtproduktion können durch gezielte nominelle Impulse (Geld- und Budgetpolitik), anhaltend beeinflußt werden. Eine höhere Gesamtgeldmenge, höhere Staatsausgaben oder reduzierte Steuerausgaben bewirken in dieser Sicht eine permanente Steigerung des Niveaus der Gesamtbeschäftigung. Die beliebige Ausdehnung der volkswirtschaftlichen Gesamtproduktion bis zu einem absoluten technischen Maximum (potential Output) war nur beschränkt durch den mit der "Phillips-Kurve" bezeichneten Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeitsgrad, oder Inflation und Gesamtbeschäftigung.

Die Phillips-Kurve kontrolliert das der Makro-Politik (die eine Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Vorgänge versucht) zugängliche wirtschaftspolitische "Menu". Ihre Formulierung anerkennt, daß der Arbeitslosigkeitsgrad durch Manipulation der Gesamtnachfrage beliebig reduziert werden kann. Eine niedere Arbeitslosigkeit muß aber mit einer höheren Inflationsrate erkauft werden. Der volkswirtschaftliche Prozeß bestimmt in dieser Weise ein wirtschaftliches Dilemma. Diese Dilemma-Situation schien aber einen zuverlässigen und dauerhaften wirtschaftspolitischen Abtausch zwischen mehr (oder weniger) Inflation und tieferer (oder höherer) Inflationsrate zu erlauben.

Was sind nun aber die Erfahrungen des hoffnungsvoll verheißenen Zeitalters? Seit Jahren dominiert eine weltweite Inflation mit eingesessener Arbeitslosigkeit die volkswirtschaftliche Szene. Inflation und Arbeitslosigkeitsgrad sind im Durchschnitt der Jahre in vielen Ländern gemeinsam gestiegen. Beträchtliche Beschleunigungen oder Verlangsamungen der Inflation auferlegten schwere Anpassungslasten. Ähnliche Anpassungslasten entsprangen dem Zusammenbruch des in Bretton Woods ausgebauten internationalen Währungssystems. Die eingesessene Arbeitslosigkeit wurde in den letzten Jahren noch durch zögernde Investitionsausgaben und die sogenannte "Investitionsunlust" des privaten Sektors erschwert.

Wachsende Budget-Defizite und hohe Wachstumsraten der Gesamtgeldmenge beeinflussen Arbeitslosigkeit und Investitionsausgaben relativ wenig entgegen den Erwartungen der Keynesianischen Erbschaft. Die Keynesianische Vorstellungswelt hat uns kaum für diese Konsequenzen der von ihr kontrollierten Makropolitik vorbereitet. Das Versprechen einer die gesamtwirtschaftlichen Prozesse auf Grund der "neuen Einsichten" ausgleichenden Makropolitik schuf die Realität eines unsicheren, verunsichernden und gehemmten Wirtschaftsablaufs mit unstetiger Inflationsrate und unklarem wirtschaftspolitischem Kurs.