In Berlin wird der Generationskonflikt besonders hart ausgetragen

Von Eberhard Lämmert

Drei Jahre nach der Niederwerfung Preußens durch Napoleon richtete Wilhelm von Humboldt an den König einen Antrag, mit der Gründung einer Universität in Berlin "der deutschen Wissenschaft eine vielleicht kaum jetzt noch gehoffte Freistatt" zu eröffnen. Kein anderes Mittel, schrieb er ein Jahr später, sei geeigneter, dem Staat Achtung beim Auslande auch dieser Zeit zu sichern. Sein Leitgedanke, unter weitgehender Eigenverantwortlichkeit "rüstiger und jugendlicher Köpfe" lebendige Wissenschaft sich entfalten zu lassen, ist von da an ein gutes Jahrhundert lang für das deutsche Universitätsleben und seinen internationalen Rang bestimmend geworden.

Die Freie Universität Berlin wurde gegründet von Professoren, Studenten und Bürgern drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als der Berliner Universität unter dem Namen Humboldts ein Bildungssystem aufgezwungen worden war, das Zulassung und Lehre unter das Diktat einer Einheitspartei stellte. Die Gründung fiel, mitten im Blockadewinter, fast auf den Tag zusammen mit der Begrenzung freier Wahlen auf die Westsektoren der Stadt. Der Freien Universität kam die Aufgabe zu, das Konzept des großen preußischen Reformers in und für Berlin weiterzuführen und in die Lebensformen eines demokratischen Gemeinwesens umzusetzen. Studenten hatten die Universität mitgegründet. So verstand es sich, daß sie an allen Aufgaben der Selbstverwaltung beteiligt wurden. Der Gründungsakt, der ihnen versprach, "frei von Furcht und Zwang ihren Studien zu leben", aber auch die Kuratorialverwaltung, die der Universität ein paritätisches Mitspracherecht in allen Grundsatzentscheidungen sicherte, bezeugen den gemeinsamen Vorsatz von Parlament, Senat und Universität, die Eigenverantwortlichkeit wissenschaftlichen Arbeit als das Gebot einer demokratischen Politik anzusehen.

Dieses "Berliner Modell" trug der Freien Universität unter den Universitäten aller vier Besatzungszonen mehr Mißtrauen als Anerkennung ein, und es bedurfte der politischen Weitsicht Ernst Reuters und der großzügig unterstützenden Ford Foundation mit ihrer Vorgabe, "auf einigen Gebieten neue Wege zu beschreiten und dem deutschen Universitätsleben neue Impulse zu geben", damit diese Universität schon nach einem Jahrfünft rastloser Aufbauarbeit im Verband der Universitäten der Bundesrepublik als deren Berliner Vorort gelten konnte.

Mit dem Mauerbau schnitt die DDR der Hälfte der FU-Studenten das Studium oder die Rückkehr nach Hause ab. Der Pilgerstrom von Studenten aus der Bundesrepublik, vielfach genährt von dem Impuls, weitab von gewohnten Lebensbedingungen auf sich gestellt und in kritischer Distanz zu ihrer politischen Umgebung zu leben, machte Berlin zu einem Ort, der mit besonderer Härte Und zum Teil stellvertretend für die Bundesrepublik den Generationenkonflikt der sechziger Jahre auszutragen hatte.

Universität als Feind