Von Werner Birkenmaier

Der Ski-Langlauf auf der Schwäbischen Alb (man fährt in die Alpen, aber auf die Alb) ist älter als ich selbst; das will besagen, daß er schon in den zwanziger Jahren dort betrieben wurde. Allerdings nur von einigen wenigen, die sich um kopfschüttelnde Albbauern nicht kümmerten.

Kürzlich fielen mir beim Aufräumen die Skier meines Vaters in die Hände, sehr breite und schwere Bretter – kein Vergleich mit den heute üblichen Flitzern. Die gelbe Lackierung war fast verblaßt, die schwarzen Zierstriche hingegen noch erhalten, sozusagen Schneebretter im damals modischen Nadelstreifenanzug. Als Langlaufskier waren sie nur an der Bindung erkenntlich: eine bewegliche Metallsohle, die vorne in einer Feder endete, diese wiederum steckte in einem runden Metallgehäuse, einer kleinen Botanisiertrommel nicht unähnlich. Der ordentlich mit Fett versehene Schuh (Skistiefel gab es damals noch nicht) wurde mit einem Riemen auf der Metallplatte befestigt.

Als kleiner Knirps bestaunte ich dieses technische Wunderwerk, denn ich selber war weniger elegant ausgestattet: mit sogenannten Faßdauben, die der Küfer anfertigte, wenn der Most, der schwäbische Apfelwein, längst in den Fässern gärte. Auf die Dauben war ein Stück Holz genagelt, mit ausgesägtem Rund für den Absatz und quer darüber genagelter Lasche von einem alten Fahrrad- oder Motorradreifen, damit der Kinderschuh auch vorne einen Halt hatte. Sich als Vierjähriger auf diesen Dauben zu bewegen, war weitaus schwieriger als das Gehenlernen auf zwei Beinen; immerhin verdanke ich diesen Skiern "im Rohstadium" meine ersten Erfahrungen im Schnee.

Anders als heute war die Alb, ein typisches Mittelgebirge, damals noch schneesicher. Oder gibt es auch so etwas wie eine Winter-Nostalgie? Jedenfalls, wenn man nach stürmischer Nacht die Haustür öffnete, fiel eine kleine Schneelawine in den Korridor. Johann Peter Hebels Wintergedicht, das damals in den Lesebüchern stand, war Realität: "Ja, Schnee und Schnee! Und rings umher man sieht nicht Straß’ noch Fußweg mehr..." (was auf alemannisch noch hübscher klingt).

Es existiert noch eine Photographie aus jener Zeit, ich schätze, aus dem Jahr 1932. Sie zeigt meinen Vater und meine zwei älteren Brüder während einer Skiwanderung vor einer mächtigen Schneewehe rastend. Alle in sackartigen Trainingsanzügen steckend, auf dem Kopf schwarze Schildmützen, das Band über dem Schirm in einer großen Schleife gebunden. Das Bild vermittelt einen Eindruck von Weite und Leere, ja einer gewissen Trostlosigkeit der Albhochfläche im Winter. Nicht von ungefähr sprachen die Stuttgarter, aber auch die Soldaten, die den Truppenübungsplatz Münsingen vorwiegend aus der Froschperspektive kennenlernten, von der "Rauhen Alb" oder "Schwäbisch-Sibirien". Im Winter war das dünn besiedelte Land wie ausgestorben. Anders als in Noel Coward’s Song: "Mad dogs and Englishmen walk out in the midday sun..." traute sich nicht einmal ein Hund vor die Tür; ausgenommen ein paar Verrückte, die diesem neumodischen Sport aus Skandinavien huldigten.

Heute ist die Alb Naherholungsgebiet für die mehr als zwei Millionen Menschen, die im Ballungsraum Mittlerer Neckar leben. "Schwäbisch-Sibirien" hat sich in den Vor- und Lustgarten der Stuttgarter verwandelt. Die Älbler versuchen davon zu profitieren, indem sie die Hänge mit Skiliften überziehen. An der fast 900 Meter hohen Buchhalde bei Münsingen-Dottingen, wo wir früher Christiania und Stemmbogen übten, stfahlt jetzt das Flutlicht über eine von Hunderten von Menschen bevölkerte, glattgefegte Piste. Der Abfahrtslauf dominiert. Aber seit zwei, drei Jahren spurt die Forstverwaltung Loipen über die Waldwege – ideales Langlaufgelände, das Touren über eine Distanz von fünfzehn oder zwanzig Kilometer erlaubt.