Von Horst Bieber

Hannover, im Dezember

Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht brachte das Problem auf eine griffige Kurzformel: "Kritik schafft mehr Sicherheit." Das nukleare Entsorgungszentrum Gorleben im Landkreis Lüchow-Dannenberg, nahe der Elbe und Zonengrenze, solle erst gebaut werden, wenn alle technischen und ökologischen Einzelheiten sorgfältig geprüft seien – unbeschadet der dafür nötigen Zeit. Doch die Zeit drängt.

Die Abklingbecken der westdeutschen Kernkraftwerke füllen sich zusehends mit abgebrannten Brennelementen, und niemand weiß so recht, wohin mit diesem "Atommüll". Die französische Wiederaufbereitungsanlage Cap La Hague ist voll, zusätzliche Lagerkapazität steht frühestens in zwei Jahren zur Verfügung. Verhandlungen mit dem englischen Windscale sind offenbar ins Stocken geraten; Zwischenlagerbecken auf westdeutschem Boden fehlen, müssen erst noch gebaut werden, aber selbst Optimisten wagen keine Prognose, wieviel Jahre zwischen Antragstellung und Betriebnahme vergehen werden. Eine "gesicherte Entsorgung" ist überdies Voraussetzung für die Genehmigung weiterer Kernkraftwerke. "Zu behaupten, wir stehen unter Druck, ist die Untertreibung des Jahres", stöhnt ein Landespolitiker.

An Gorleben hängt aber noch mehr. Arbeitet die Anlage eines Tages in der projektierten Größe, wird sie rund 50 Gigawatt installierter Leistung entsorgen können, etwa das Doppelte der zur Zeit geplanten Menge – "zweifellos eine beabsichtigte Weichenstellung für eine größere Expansion der Kernkraft", wie ein Physiker einräumt. Von Gorleben und der Extraktion des Plutoniums aus den abgebrannten Brennelementen hängt auch das Schicksal des Schnellen Brüters ab, der diesen Brennstoff benötigt.

An Gorleben kann sich aber auch ein "politischer Sturm" (die Zeitschrift Nature) entzünden, den die niedersächsische Regierung verhindern möchte. Sie spielt deswegen auf Zeit und leistet dem Bonner Druck hinhaltenden Widerstand. Vordergründig geht es, um Geld, um die Frage, welchen Anteil. Hannover an den einmaligen Aufwendungen und jährlichen Folgekosten (beide Summen werden zur Zeit auf rund 80 Millionen Mark geschätzt) übernehmen muß. Am 12. Dezember sollen die Staatssekretäre diese Frage klären; dem folgt unter Umständen noch ein Treffen der Minister Kiep und Baum, und am 21.. Dezember werden Albrecht und Bundeskanzler Schmidt über Gorleben verhandeln. Im Frühjahr 1979 soll eine Entscheidung fallen.

Diese Terminplanung beunruhigt eine Gruppe von zehn ausländischen Wissenschaftlern. Unter der Koordinierung des österreichischen Physikers Helmut Hirsch sollen sie kritisch Stellung nehmen und das Konzept Gorleben prüfen – gemäß dem Albrechtschen Satz, daß Kritik mehr Sicherheit schafft. Daran beginnen die Naturwissenschaftler aus Frankreich, England, Norwegen, Schweden und den Vereinigten Staaten aber allmählich zu zweifeln.