Lassen sich aktuelle Forschungsziele und Grundlagenforschung vereinbaren?

Von Friedrich von der Haar

Viele Jahre erlebte die Wissenschaft einestarke, durch fast nichts in Frage gestellte Förderung. Heute aber gerät auch dieser Bereich in das Spannungsfeld der öffentlichen Diskussion. Immer mehr Bürger möchten wissen, ob die den Wissenschaftlern anvertrauten Mittel nun tatsächlich für die Sicherung unserer Zukunft, für die Erhöhung unserer Lebensqualität verwandt werden. Der Mangel an schlagzeilenträchtigem Fortschritt bei der Krebsbekämpfung zum Beispiel läßt manchen Mitbürger ungeduldig werden: Wer in der Lage sei, Menschen zum Mond und zurück zu befördern, der müsse doch wohl auch in der Lage sein, mit ein paar wildgewordenen Zellen fertig zu werden, wenn er nur wirklich wolle.

Die Frage des "wirklichen Wollens" wollen nun einige Soziologen mit wissenschaftlichen Mitteln untersuchen. Entsprechend wissenschaftlicher Tradition gehen diese Soziologen das wegen seiner Komplexität nur sehr schwer durchschaubare Gebilde Wissenschaft mit einer für Nichteingeweihte unverständlichen Sprache an. Wen wundert da noch eine heftige wissenschaftliche Diskussion – gewöhnlich Streit genannt –, wenn Wissenschaftler mit eigenem Sprachstil und eigenen Wortschöpfungen fachfremde Gebiete der Wissenschaft durchleuchten wollen?

Da durch den Wind der Worte vernünftige Denkansätze allzuleicht verweht werden, möchte ich versuchen, mit wenigen Grundbegriffen einige Voraussetzungen für Wissenschaft und ihre Zielsetzung in Erinnerung zu rufen.

Der Begriff der technologischen Vorausschau – aus dem angelsächsischen Sprachbereich als technology assessment besser bekannt – hat sich inzwischen fest eingebürgert. Er beinhaltet, daß zu einem geplanten technologischen Projekt zunachstelle vorausschaubaren Einflüsse gesammelt und einander gegenübergestellt werden. Ziel ist, die negativen Auswirkungen dieses Projektes möglichst klein zu halten, die positiven Auswirkungen aber zu optimieren. Der Versuch einer ähnlich funktionierenden Wissenschaftsvorausschau trifft nun gerade bei engagierten Wissenschaftlern auf entschiedenen Widerstand.

Ein wesentliches Argument gegen die Wissenschaftsvorausschau ist, daß Wissenschaft bis dahin unbekanntes, neues Wissen erarbeite, das sich mit einer Vorausschau grundsätzlich gar nicht erfassen lasse. Diese Ansicht ist richtig, soweit es sich um konkrete wissenschaftliche Projekte handelt. Sie erscheint mir aber fragwürdig, falls man sie auf Wissenschaftsvorausschau generell anwendet.