Von Kurt Becker

Als sei es erst gestern geschehen, bricht es aus ihm heraus: "Ich bin geschockt!" Bundesverteidigungsminister Hans Apel ist noch immer mit innerer Spannung aufgeladen, der Rücktritt des Generalinspekteurs Hans Wust entzieht sich seinen Maßstäben von Vernunft und Berechenbarkeit. Ein Sturzbach der Unwägbarkeiten ist über ihn hereingebrochen. Als wolle er sich auch selbst noch Klarheit verschaffen, läßt er in der Ruhe und Behaglichkeit seines Hauses in Hamburg den Fall Revue passieren – am Vorabend seiner Reise zur Brüsseler Nato-Konferenz und zu Beginn einer Woche, in der im Bundestag die Debatte über den Spionagefall Lutze/Wiegel im Verteidigungsministerium auf der Tagesordnung steht, der er mit besorgten Gefühlen entgegenblickt.

Georg Leber mußte dieses Spionagefalles wegen die Hardthöhe räumen, Anfang Februar trat Apel, bis dahin Bundesfinanzminister, seine Nachfolge an – 46 Jahre alt, ein Novize auf dem Felde, der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte. Das burschikose politische Talent wurde mit Vorschußlorbeer umkränzt. Apels ungestelzte Präsentation als Oberbefehlshaber der Bundeswehr war seitdem manchmal erfrischend, seine unkonventionelle Handhabung des militärischen Komment allerdings nicht jedermanns Sache. Aber seine Lernfähigkeit und seine beherzten Entscheidungen ermöglichten es ihm, schon nach den legendären hundert Tagen Schonzeit ungeschoren die Schwelle zum gestandenen Verteidigungsminister zu überschreiten. Seither ist er durch allerhand Applaus verwöhnt worden. "Aber das war ja auch zu schön, das konnte natürlich nicht gutgehen", sagt Apel heute. "Ich habe immer gewußt, eines Tages passiert etwas, und dann sieht alles ganz anders aus."

Nach zehn Monaten Amtszeit ist dem Minister nun zum ersten Male eine Entwicklung völlig aus dem Ruder gelaufen. Wenn er zum Fall Wust sagt: "Ich bin tief unglücklich", dann gehört hierzu auch das Bekenntnis: "Ich bin ein empfindlicher Mensch." Auch das Eingeständnis gehört dazu: "Selbstverständlich bin ich ein Problem für die Militärs." Apels Führungsstil ist angelegt auf Tempo und vorbehaltlose Offenheit, auf die Debatte im Experten-Kreis, notfalls mit äußerster intellektueller Schärfe geführt. Minister und Generalinspekteur waren da aus verschiedenem Holze.

Apel hatte beim Ministerwechsel eine große Wachablösung in der militärischen Führung ausdrücklich abgelehnt. Heute ist ihm klar, daß der Verzicht darauf mit Unzulänglichkeiten im Zusammenspiel zwischen Wust, dem höchsten militärischen Berater, und dem Minister bezahlt werden mußte. Es entstanden Verzögerungen im Entscheidungsprozeß: Selbst angeforderte Positionspapiere des Führungsstabes ließen auf sich warten. "Aber in einem solchen Haus darf es kein Vakuum geben. Wir sind dann in dieses Vakuum hineingestoßen" – Apel überläßt es der Phantasie, wie die Fäden am Generalinspekteur vorbei in die Stäbe hineingezogen wurden. So entstand dann auch eine Vorlage des Ministers über die Zusammenhänge zwischen der Modernisierung der taktischen Kernwaffen und den Wiener Truppenverhandlungen für den Bundeskanzler, die Wust nicht kannte und von dessen Existenz er erst in einer Sitzung des Bundessicherheitsrates erfuhr, wo Helmut Schmidt es mit einem Wort des Lobes bedachte.

Apel zögert nicht, die sui generis-Stellung des Generalinspekteurs grundsätzlich zu bejahen. Aber in der Praxis, so glaubt er wohl, kann dies erst seine Bedeutung gewinnen, wenn der ranghöchste General auch das dementsprechende Kaliber besitzt. "Ich erwarte, daß der Generalinspekteur notfalls auch einmal plötzlich und unangemeldet vor meinem Schreibtisch steht, um mich auf etwas aufmerksam zu machen, was ihm dringlich erscheint. Meine Tür steht immer offen." Das hat Apel vermißt, wie er denn auch Wusts Klage, er hätte den Minister zu selten sprechen können, rundweg zurückweist. Auch wünscht er sich gerade auf diesem Posten einen General, "der mir widerstehen kann". Offenbar ist Apel sich seiner Impulsivität – manche Kritiker auf der Hardthöhe nennen sie auch Jähzornigkeit – bewußt. Dazu kommt seine Entschlossenheit, jeden wichtigen Sachstreit rigoros bis zum Ende durchzufechten. In Jürgen Brandt, dem Nachfolger, glaubt er einen Militär des richtigen Zuschnitts gefunden zu haben.

Wäre Wust nicht so isoliert gewesen, hätten die Inspekteure und die Generalität in ihm nicht bloß den ranghöchsten Soldaten respektieren müssen, sondern auch eine faszinierende Führungsautorität bewundern dürfen, dann hätte der Rücktritt des Generalinspekteurs eine Krise zwischen Bundeswehr und politischer Führung entfesselt. Aber dazu fehlten jetzt alle Voraussetzungen. Apel hatte sich schon im Frühjahr gegenüber Wust ebenso brüsk wie zugleich auch, umsichtig verhalten, als er die vom Generalinspekteur favorisierte Strukturreform der Bundeswehr – eine Zusammenfassung aller Dienstleistungs- und Versorgungseinrichtungen – kurzerhand in der Versenkung verschwinden ließ. Auf der Kommandeurstagung in Saarbrücken regte sich darüber kein Unwille, zumal Apel sich für eigene Ungeschicklichkeiten entschuldigte und