Immer mehr Deutsche sterben am Herzinfarkt: Über 140 000 waren es in diesem Jahr. Herzkrankheiten zählen zu den alltäglichen, stillen

Katastrophen in der Bundesrepublik

Er hatte sich in den letzten Tagen nicht recht wohl gefühlt. Er war lustlos und seine Mitarbeiter fanden,, er sehe elend aus. Doch richtig krank war er nicht. Außer dem Völlegefühl im Leib, an dem er gelegentlich litt, seitdem er die Fünfzig überschritten hatte, beschwerte ihn nichts. Gegen diesen Druck im Oberbauch, den er zumeist auch in der Brust empfand, manchmal als krampfartigen Schmerz, nahm er seit Jahren biserierte Magnesia. Es sei zuviel Säure im Magen, hatte ihm jemand gesagt, und dadurch entstünden Gase, die auch gegen das Herz drückten. Mit dieser plausibel klingenden Erklärung hatte er sich zufriedengegeben. Daß seine Magnesia-Tabletten nicht die erhoffte Erleichterung brachten, tat er als Unzulänglichkeit der Medizin ab.

"Ich rauche ganz einfach zuviel", beruhigte er sich selber, öfter schon hatte er versucht, der Zigarette zu entsagen. Es war ihm nicht einmal allzu schwer gefallen. Doch wenn er nicht rauchte, nahm der ohnehin Übergewichtige rasch zu. Das aber sah sein Arzt gar nicht gern, schon wegen seines Blutdrucks, der etwas erhöht war.

"Ich muß einmal richtig ausspannen", dachte er, während er sich eine Zigarette anzündete. Da – plötzlich, ein böser Schmerz quer durch die Brust, ein unerträgliches Schneiden. Er preßt die geballte Faust gegen den Halsansatz. Der Schmerz strahlt aus, in die linke Schulter, in den linken Arm, bis in die Finger. Schweiß tritt aus, Übelkeit befällt den Unglücklichen. Er gleitet vom Stuhl, fällt zu Boden, halb unter seinen Schreibtisch. Kollegen kommen in sein Büro, reden aufgeregt durcheinander. Einer sagt: "Der sieht ja aschgrau aus." Ein anderer nimmt das Telephon und ruft einen Arzt. Die furchtbaren Schmerzen lassen, nicht nach. "Luft, Luft", stöhnt der Kranke am Boden. Angst befällt ihn, Vernichtungsgefühl.

Als ihn Krankenträger auf eine Bahre legen, wird ihm klar, daß einige Zeit ohne ihn verstrichen sein muß. Die Pein hat nachgelassen. Doch die Angst ist geblieben. Das Herz jagt, es stolpert wie ein Automotor, der nur auf zwei Zylindern läuft. "Herzinfarkt", durchfährt es den Kranken, "jetzt muß ich sterben."

Die meisten Menschen, die zum erstenmal einen Herzinfarkt erleiden, sterben nicht daran. Die Überlebenschance ist heute fast zwei zu eins. Freilich bleibt es in vielen Fällen nicht bei dieser einen "Episode". Mit jeder Wiederholung aber, mit jedem "Re-Infarkt", nimmt die Wahrscheinlichkeit, daß der Betroffene ihm erliegt, wesentlich zu.