Von Hansjakob Stehle

Schafhirten sind in der römischen Campagna selten geworden; daß sie noch im letzten Jahrhundert ihre Herden am Kolosseum vorübertrieben, klingt wie ein Märchen, wenn man den lärmenden, stinkenden Großstadtverkehr von Rom heute um die ehrwürdige Ruine dieses Bauwerks hasten sieht. Gibt es aber nicht doch noch immer Herden – blökende, glotzende, willig hin- und herwogende, angeführt von einem, der – Leithammel und Schäfer zugleich – sein Stäbchen schwingt? Der Vergleich hinkt natürlich, und unser Fremdenführer würde ihn sich gehörig verbitten – obwohl er es zu genießen scheint, daß wir alle geduldige Lämmer sind. Meine eigene Ungeduld hatte sich mit der journalistischen Neugier eines "Einheimischen" getarnt, der wissen wollte, wie es Leuten ergeht, die sich solchen "Hirten" und ihren Herren anvertrauen, um Rom zu entdecken...

Die Bequemlichkeit, mit der es zu beginnen schien, war für viele verlockend: "Die Teilnehmer der Stadtrundfahrt werden vom Hotel abgeholt." Wer sich wie wir selbst pünktlich um 8 Uhr 30 am Büro der "Appian Line" in der Via Veneto einfand, durfte voll auskosten, wie eine der drei versprochenen Stunden damit verging, die Hotels im Umkreis "abzustottern". Das hatte immerhin den Vorteil, daß wir dreimal besagte Via Veneto durchquerten – "die eleganteste Straße Roms" (wenn man dem Prospekt trauen wollte, der den Niedergang dieser Straße in den letzten zwei Jahrzehnten verschlafen hat).

Dreimal streiften wir auf diese Weise auch die "Villa Borghese" – am Straßenrand, um schließlich in dieser, einer der schönsten Parkanlagen der Stadt, sogar zu verweilen. Nein, nicht zum Zweck eines Spaziergangs, hier war der Sammelplatz der Busse, hier erst wurden die "Schäflein" langwierig nach Sprachen sortiert und in die Busse gescheucht. Zu den Deutschsprachigen steckte man noch ein paar restliche Frankophone. "Fa niente – macht nichts!" sagte der resolute Obermanager, und er hatte wohl auch recht, denn unser wackerer Führer – nennen wir ihn Tizio – hatte vom Französischen genausoviel Ahnung wie vom Deutschen, nämlich wenig. Beides hatte Tizio bei einem zweimonatigen Schnellkursus auf der Berlitz-School aufgelesen, und nun benutzte er seine Ferien dazu, um sein kärgliches Salär als Volksschullehrer mit einem ebenso bescheidenen als "guida" aufzubessern. Das Geschäft macht die Firma, die jedem Touristen, der in ihre "Luxusreisebusse" steigt, sechstausend Lire (etwa 14 Mark) abknöpft: Wer diesen Preis für sich und seine Familie zahlt, könnte dafür im Taxi stundenlang und mit beliebigen Haltepunkten durch Rom fahren, müßte dann aber mit einem gedruckten Reiseführer vorliebnehmen.

oder braucht er doch unseren Tizio? Schon der Italien-Baedecker von 1903 fand dessen Dienste "entbehrlich", und wir entdeckten an diesem Morgen, daß Tizio klug genug war, sich selbst nicht unentbehrlich zu finden. Denn kaum hatte er einen Halbsatz über die Aurelianische Stadtmauer geradebrecht, uns einen Seitenblick auf die Diokletianischen Thermen und einen weiteren – genau drei Sekunden auf den vorüberfliegenden Quirinalpalast gegönnt ("viele schöne Zimmer" – und kein Wort davon, daß hier einst die Päpste Hof hielten und heute Italiens Präsidenten residieren), da hasteten wir auch schon vorbei an der Piazza Venezia (zu der unser Tizio nur das Stichwort "Mussolini" lieferte) und schon ging es zielstrebig dorthin, wo uns und Tizio die verdiente Ruhepause winkte. "Dort!" sagte Tizio mit weit ausholender Geste, während wir uns aus dem Bus schlängelten. "Dort ist Fontana di Trevi, wunderschön! In fünfzehn Minuten wieder hier sein!" Sprach’s – und verschwand für ein Viertelstündchen in einer Espressobar, indes die Herde brav zum Brunnen trippelte. Auf ähnliche Weise präsentierte uns Tizio dann die Königsgräber im Pantheon und die St.-Petersbasilika, wo wir uns – und ihn – schließlich in der Masse der Touristen verloren. Aber die Tour war hier ohnehin (samt Tizios Sprachschatz an Superlativen) zu Ende gegangen.

Pech gehabt? So dachte ich und buchte "im Interesse einer ausgewogenen Berichterstattung" Tour Nummer zwei am Nachmittag, von gleicher Dauer, zum gleichen Preis. Das Vorspiel – oder sollte man es Vorärger nennen? – begann wiederum in der Via Veneto und auf dem "Verladeplatz" in der Villa Borghese doch diesmal War alles gemildert durch eine "Schäferin", die in die Herde einen Hauch von "dolce vita" brachte (oder wenigstens dessen, was Spießer aus dem Norden dafür halten). Von ihrem italienischen Papa hatte sie das Temperament, von der deutschen Mutti die Sprache mitgebracht, in der sie auch etwas zu sagen wußte. Zum Beispiel verstand sie es, unseren Blick auf das Forum Romanum vom Luxusreisebussitz ("Bitte nicht aussteigen!") gewissermaßen geistig zu weiten: Hier habe die abendländische Kultur ihren Ursprung gehabt...

Doch wer will das schon so genau wissen? Also weiter. Frau Schulze aus dem Sauerland stellt eine tiefgründige Frage: wo hier ein preiswertes Strickwarengeschäft zu finden sei. Unsere "Schäferin", die schon dabei war, ihren gut gelernten Vers über "St. Paul vor den Mauern" aufzusagen, ließ sich nicht verdrießen; beiläufig gab sie praktische Ratschläge und warnte auch vor Langfingern und Straßenhändlern, "damit Sie zu Hause sagen können, daß Sie einen schönen Urlaub hatten".