Von Rolf Schneider

Die traurige Geschichte und das finstere Ende von Österreichs Erster Republik gerät allmählich ins Blickfeld internationaler Zeitgeschichtsschreibung. Damit wird es, so steht zu hoffen, auch zum Objekt von Buchkäufern und -lesern in Österreichs Zweiter Republik. Denn die Geschichtssinnigkeit in diesem Alpenland hat ihre eigene Dimension, und sofern die Auslagen dortiger Sortimenter ein verläßlicher Spiegel sind, endet alles einschlägige Publikumsinteresse mit dem Jahre 1918, lieber noch 1916, als der alte Kaiser Franz Joseph starb. Daß dieser bornierte und durch alle achtundsechzig Jahre seiner Herrschaft glücklose Monarch noch heute die meisterwähnte Kultfigur aus jüngster Vergangenheit ist, macht seine eigene Aussage. Er war der letzte unbestrittene Repräsentant der Großmacht Österreich. Das sorgt für Nostalgie, immer noch und immer wieder.

Denn was hernach kam, war die Kleinstaatlichkeit mit allen Konsequenzen für Ökonomie, Selbstwertgefühl und internationale Reputanz. Der letzteren ist es zuzuschreiben, daß, wenn von Faschismen die Rede ist, an Deutschland, Italien und Spanien jeder denkt und an Österreich kaum einer. Dabei ist Österreich sowohl am italienischen wie am deutschen Faschismus mehrfach beteiligt: durch das Südtirol-Problem; als biographische und geistige Heimat Adolf Hitlers; und in der Reaktion auf so eindeutige und mächtige Nachbarschaften (zu denen dann noch die Diktatur des ehemaligen k.u.k.-Admirals Horthy in Ungarn kam) entwickelte man sein eigenes Diktatorialsystem, das Austrofaschismus heißt und besser österreichischer Klerikalfaschismus hieße. Dollfuß und Hitler waren feindliche Brüder. Ihr Konflikt endete dem Muster entsprechend theatralisch: mit dem letalen Abgang des Unterlegenen und mit dem Beifall eines riesigen Publikums.

Von alledem ist in einer von Österreichern für Österreicher verfaßten Zeitgeschichtsschreibung herzlich wenig die Rede. Den noblen Ersatz liefert, wie oft in diesem Lande, die Belletristik. Ein Belletrist nach seinem Temperament ist auch der Österreicher Friedrich Heer, der viel über die klerikalen Hintergründe des österreichisch-deutschen Faschismus nachgedacht hat; die Eingangskapitel von Fests Hitlerbuch wiederholen durchweg Heersche Erkenntnisse. Friedrich Heer hat die Mehrzahl seiner Bücher in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht; das heißt wohl auch: veröffentlichen müssen.

Noch am häufigsten ist ansonsten die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie beschrieben worden. Freilich, Victor Adler, Friedrich Adler, Friedrich Austerlitz, die Führer der Partei im Kaiserreich, sind immer noch erheblich besser bekannt als Max Adler und Otto Bauer, die Parteiführer in der Ersten Republik. Doch die weit über Österreichs Staatsgrenzen hinausweisende Prominenz Bruno Kreiskys läßt auch im Lande danach fragen, aus welcher Tradition dieser Mann denn komme. Die heutige SPÖ besitzt in Norbert Leser einen grundsoliden Historiker und in Günther Nenning einen glänzend formulierenden Geschichtskritiker.

Die andere große Staatspartei ÖVP tut sich da schwerer; sie ist Nachfolgerin jener Strömung, aus der Dollfuß und Schuschnigg hervorgegangen sind und deren erste Galionsfigur der Antisemit Karl Lueger war. Ein Mann wie der Christsoziale Ignaz Seipel, österreichisches Gegenstück zu den deutschen Kaas und Brüning, gerät immer mehr in Vergessenheit; entsprechend verfallen die krausen Wege der bäuerlichen und kleinbürgerlichen Schichten in diesem Land der urteilslosen Larmoyanz des Herrn Karl.

Ausgerechnet in der Universität der Haute-Normandie zu Rouen hat sich nun ein österreichisches Studien- und Forschungszentrum aufgetan. Seit 1971 gibt es eigene Publikationen, seit 1975 eine eigene Zeitschrift heraus: "Austriaca". Bisheriger Höhepunkt aller Aktivitäten des Zentrums war ein international beschicktes Colloquium unter dem Titel "Deux fois l’Autriche – après 1918 et après 1945", veranstaltet im November 1977. Referate und Debattentexte aus dieser Veranstaltung sind jetzt in einer ersten Sondernummer der Hauszeitschrift erschienen: