Von Hans-H. Schuh

Ihre Nächte dauern fast 59 irdische Tage, doch ihre Hüllen läßt sie nie fallen. Wer sie trotzdem näher kennenlernen will, muß tief in die Tasche greifen: rund 200 Millionen Dollar kostet es die amerikanische Weltraumbehörde NASA, die Venus und ihre undurchsichtige Wolkenhülle jetzt im Dezember mit den beiden Raumsonden "Pioneer Venus 1" und "Pioneer Venus 2" genauer zu erkunden.

Dabei ist die Venus keineswegs mehr "jungfräulich": insgesamt zehn russische Venera- und drei amerikanische Mariner-Sonden haben sie seit Mai 1961 angeflogen. Mit vier erfolgreichen weichen Landungen (Venera 7 bis 10) lag die Sowjetunion bisher in der Erforschung der Venus vorn, Venera 11 und 12 werden ebenfalls noch diesen Dezember ankommen.

Das amerikanische Venus-Programm konzentriert sich nun vorwiegend auf atmosphärische und meteorologische Untersuchungen. Hier hat unser innerer Nachbarplanet in der Tat Erstaunliches zu bieten: Obwohl die Venus nur 18 Prozent weniger Masse und einen nur um fünf Prozent kleineren Durchmesser besitzt als die Erde, sind Atmosphäre und Klima bei ihr völlig verschieden von irdischen Verhältnissen.

So beträgt der Luftdruck am Venusboden erdrückende 95 Atmosphären, und mit 480 Grad Celsius herrschen Temperaturen zum Metalle erweichen: Zinn, Zink und Blei sind dann flüssig.

Zwei Faktoren sind vermutlich für die hohe Temperatur verantwortlich. Erstens ist die Venus wegen ihres kürzeren Abstandes zur Sonne einer doppelt so intensiven Strahlung ausgesetzt wie die Erde. Zweitens wirkt auf ihr ein ausgeprägter Treibhauseffekt, denn ihre Gashülle besteht zu etwa 97 Prozent aus Kohlendioxid. Dieses Gas läßt nämlich die Sonnenstrahlung weitgehend durch, es blockiert jedoch die infrarote Wärmeabstrahlung, wirkt also wärmedämmend. Ohne diesen Effekt würden die Venuspole lebensfreundliche Temperaturen aufweisen. Da der Kohlendioxidgehalt der Erdatmosphäre – etwa 0,03 Prozent – auf Grund der Verbrennung von Erdöl und Kohle stetig zunimmt, warnen manche Wissenschaftler vor einem globalen Temperaturanstieg auf unserem Planeten.

Wasser kommt auf der Venus überraschenderweise praktisch nicht vor, auch nicht in Form von Wasserdampf. Ihre undurchsichtigen, blaßgelben Wolken bestehen vermutlich aus Schwefelsäuretröpfchen. Auch die Tatsache, daß geringe Mengen an Fluß- und Salzsäure beobachtet wurden, paßt in das lebensfeindliche Bild.