Theater, ganz nah an der Straße: Über englische Erlebnisse und deutsche Mißverständnisse

Von Peter Zadek

Je unsicherer Menschen sind, desto sicherer wollen sie ihrer Umwelt gegenüber erscheinen. Verständlich, je weniger sie wissen, was sie wollen, desto derber und pauschaler werden die Schlagworte, die sie benutzen, um ihren Mitmenschen vorzumachen, daß sie ganz zielbewußt agieren. Innerhalb eines Berufsstandes ist das besonders klar zu sehen. Wenn die Ärzte sich gegenüber der Außenwelt – also den Nichtärzten – schwach, unsicher und decouvriert fühlen, werden sie laut, klischeehaft und unpräzis. Dasselbe gilt bestimmt für Metzger und politische Parteien. Ich gehöre zu dem Berufsstand Theater und kann bezeugen, daß es auch hier gilt.

Die Situation im Theater in der ganzen Welt ist zur Zeit nicht besonders gut. Es gibt wenig sehr aufregendes Theater, es fehlen allgemeine Kriterien, es fehlt Bewegung (dafür gibt es um so mehr Unruhe – zwei Begriffe, die ganz verschiedene Zustände beschreiben, aber oft verwechselt werden). Das kommerzielle Theater ist in Ländern wie England und Amerika und Frankreich, in denen es wichtig ist, zu teuer geworden und leidet unter dem Fernsehen und seinem schlechten Gewissen. Das subventionierte Theater ist meistens (auch in England und Frankreich, nicht nur in Deutschland) recht miefig und klotzig. Es leidet unter einem guten Gewissen, und das ist schlecht für Abenteuer. Das "Frage" oder Experimentiertheater leidet hauptsächlich darunter, daß es kein starkes Establishment gibt, gegen das man opponieren kann und außerdem noch darunter, daß das Establishment schon lange seine eigenen Experimente macht und oft mit größerem Erfolg als die "Fringe". Man kann nicht einmal sagen, daß das Theater in einer Krise ist. Krisen sind meistens spannend und zur Zeit ist das Problem eher Spannungslosigkeit. Müdigkeit. Menschen, die etwas miteinander tun oder tun wollen und sich eigentlich dabei langweilen, werden schnell zickig, wie müde Eheleute.

So kommt es dann, daß, in der momentanen deutschen Theatermüdigkeit, schlechtgelaunte Menschen, humorlose und lustlose Menschen mit großen Worten wie "progressiv" und "reaktionär" und "gesellschaftskritisch" und "anarchistisch" und "klassisch" und "modern" und so weiter um sich werfen, ohne klare Definitionen solcher Begriffe für sich selber zu haben, ohne sich die Mühe zu machen, über die Begriffe, die sie gebrauchen, um zu loben oder zu verdammen, genau nachzudenken. Solange die Wirkung so ungefähr richtig ist und so ungefähr das bedeutet, was wir alle meinen, wird das.schon gut genug sein. Es sind Theaterleute selbst, die so ungenau reden und denken und Kritiker und auch die, die den Auftrag von der Gesellschaft haben, Theater in diesem Land zu fördern, die Politiker.

Ich möchte hier eigentlich nur über einen Begriff etwas nachdenken, den Begriff "Boulevardtheater". Ein Boulevard ist, wie wir alle wissen, eine breite Straße, wahrscheinlich in Paris, mit vielen Geschäften, vielleicht ist eine Baumallee in der Mitte, eine Straße, die viele Leute gern begehen, auf der sie sogar öfters wimmeln. Ein Boulevard gehört in eine Großstadt. In Deutschland gibt es eigentlich nur zwei davon – den Kurfürstendamm in Berlin und die Leopoldstraße in München. Die Reeperbahn ist zu spezialisiert und der Jungfernstieg zu klein, um den Namen zu verdienen. Daß gerade die Deutschen, die nur zwei Boulevards besitzen, im ganzen Land unter Boulevardtheater etwas Negatives verstehen, ist also verständlich. Besonders, weil der mangelnde Boulevard ja auch in irgendeiner Weise die ganze Misere der Provinzialisierung Nachkriegsdeutschlands geradezu typisiert. Es erinnert daran, wie die Engländer den Begriff "Continental Breakfast" gebrauchen, wobei das Wort "Continental" sowohl eine Entschuldigung für den miserablen englischen Kaffee wie Hohngelächter über die zwei mickrigen Brötchen im Vergleich zu dem üppigen Porridge, Cornflakes, Kipper, Eggs and Bacon "English Breakfast" ist.

Boulevardtheater (wenn man die Definition von Boulevard akzeptieren würde) ist also Theater der wimmelnden Massen, Theater für alle, Theater, das ganz nah an der Straße stattfindet. Und sollte die Beschreibung nicht nur auf das Publikum, sondern auch auf den Vorgang zutreffen, ist es Theater, das die wimmelnden Massen beschreibt und spiegelt. In anderen Worten: sowohl Shakespeare als auch Ibsen und Curt Goetz. Aber so wird der Begriff Boulevard bei uns ganz und gar nicht verstanden. Sondern eher als etwas Oberflächliches, als "reines Entertainment", was zum Amüsieren. Kintopp (nicht Kunstfilm) ist wie Boulevard. In einem Gespräch mit dem Theaterkritiker Peter Iden, vor ein paar Jahren, meinte ich, daß das deutsche Kategoriedenken (Komödie–Tragödie, Unernst–Ernst) damit zu tun habe, daß die deutsche Theaterproduktion so unlebendig wäre (en gros). Herr Iden meinte damals, daß ich (Zadek) mindestens den Kritikern über die Jahre klargemacht hätte, daß solche Kategorien falsch und oberflächlich sind. Darüber zu reden, hieße jetzt nur noch offene Türen einrennen. Na ja, dachte ich damals, vielleicht bin ich an meinem Vorurteil dem deutschen Theater gegenüber hängengeblieben – ein wirklicher "hang up".