Die Urteile hätten, härter, sie hätten auch milder ausfallen können. Waren sie also maßvoll, und kann sich Justitia aufs neue in eigener Weisheit und Würde sonnen?

Gemeinschaftlich, so hieß es, sollten die fünf Angeklagten am 28. April 1978 am U-Bahnhof von Hamburg-Berne eine Gruppe junger Leute überfallen und sie erheblich, in einem Fall lebensgefährlich verletzt haben. Als Tatwerkzeuge waren Flaschenscherben im Spiel gewesen. Eines der Opfer kann sich noch heute, sieben Monate nach der Tat, nur im Rollstuhl bewegen und gilt als "psychisch, begrenzt" (DIE ZEIT Nr. 49/78).

Unter ihrem Vorsitzenden Reimer Hadenfeld verhängte die Große Strafkammer 21 beim Hamburger Landgericht Strafen von sechs Monaten Jugendarrest bis zu drei Jahren Freiheitsentzug – getreu dem Grundsatz, daß auch bei gemeinschaftlichen Tat jeder Beteiligte ohne Rücksicht auf die Schuld der anderen nach seiner Schuld bestraft werden soll.

Jeder nach seiner Schuld? Die Beweislage war widersprüchlich und lückenhaft. Trotzdem mag es sein, daß unbestreitbare Erfahrung oder eine Art sechster Sinn der Kammer geholfen hat. Tatgeschehen und Tatbeteiligung richtig zu sehen. Darüber hinaus, aber hat sie vorexerziert, wie sich ein Gericht der lästigen Pflicht entledigen kann, die Wahrheit auch psychologisch zu erforschen. Sie tat es – und das gibt der Angelegenheit Gewicht – mit Hilfe des psychiatrischen Sachverständigen.

Auch als ihn die Verteidiger hartnackig befragten, hatte es der vom Gericht bestellte Gutachter abgelehnt, in unleugbaren Persönlichkeits- und Entwicklungsstörungen, in Blutalkoholwerten bis zu zwei Promille und in der Gruppendynamik, der die Angeklagten im Augenblick der Tat gehorcht hatten, "Krankheitswert" zu erkennen. Er räumte das eine wie das andere ein; zwei und zwei zusammenzählen mochte er nicht. Seiner Weisheit letzter Schluß: das alles sei nur Psychologie und habe mit den Schuldminderungs- oder gar Schuldausschließungsgründen des Strafgesetzes nichts zu tun.

In ihren Plädoyers antworteten zwei der Verteidiger mit Hilfsbeweisanträgen. Sie verlangten, andere Sachverständige-sollten mit überlegenen Forschungsmitteln klären, was der Gutachter im dunkeln gelassen hatte: warum einer der Angeklagten "im Zustande des Enthemmtseins" sich zu Handlungen hinreißen läßt, die er nüchtern nicht begehen würde. Und: welches Bewußtsein einen zweiten Angeklagten "im Bereich des Wollens und des Normativen" beherrscht hat, als er sich an der Tat beteiligte. Das gemeinsame Ziel: zu beweisen, daß Angeklagte, wie sie hier vor Gericht standen, nicht unbedingt nach der allgemeinen Norm zu beurteilen sind.

Zuviel gefragt? Die Anträge der Verteidiger wurden nicht einmal als offenkundig unbegründet verworfen; sie fielen schlichtweg unter den Tisch. Das Gericht hielt sich entschlossen an die allgemeine Norm. Nach ihr legte es sich die Strafmaße zurecht, und die Psychologie blieb vor der Tür.