Die Franzosen lieben Zäune, Hecken, Abgrenzungen. Und wenn sie diese einmal entfernen, dann will das etwas bedeuten.

Volkstrauertag – das ist, jeweils am 19. November, eine deutsche, keine französische Tradition. Und die offizielle Übersetzung heißt denn auch "Journée du Deuil National Allemand". In Frankreich gedenkt man im Allerseelen-Monat nicht nur der Verstorbenen und Gefallenen, sondern auch der französischen Siege. Das gibt den Fanfaren, wenn sie geblasen werden, einen anderen Klang. Doch wozu sich des vergangenen Novembermonats erinnern?

Journée du Deuil National Aller mand hieß der Anlaß, der auf dem Soldatenfriedhof beim lothringischen Dorf Reillon Abordnungen der französischen Frontkämpfer, der "Anciens Combattants", und der Leute aus der Umgebung mit Deutschen zusammenbrachte, die in Omnibussen hierher, zu mit Gräbern ihrer Angehörigen, die kommen waren. Bei Reillon liegen 5000 Gefallene aus zwei Weltkriegen, deutsche und französische. 5000 jede Seite hat ihr eigenes Hochkreuz, und zwischen den beiden Gräber-Abteilungen eigenes eine Hecke die toten Soldaten, die von hüben, die von drüben.

Nicht weit ist der Weg, und wir sind in Luneville, der Stadt, wo sie hübsches Spielzeug machen und wo einmal ein Friede gesprochen wurde (1801), der bestätigte, daß uns Deutschen das linke Rheinufer von Basel bis Andernach nicht mehr gehören sollte. Dieser Hinweis steht hier nur, um Akzente zu setzen im Frage- und Antwortspiel, wie die Deutschen und die Franzosen miteinander standen. Denn in dieser Gegend um Lunéville und Nancy werden leicht deutsch-französische Gedanken wach.

Lunéville ist eine Soldatenstadt. Ihr "Regiment de Cuirassiers" war beim Gräberfeld von Reillon angetreten, ihre "Chasseurs" stellten die Fanfaren, die über den französischen, dann auch den deutschen Gräbern die "Sonnerie aux Morts" bliesen: Die Totensignale. Kränze wurden im einen wie im anderen Teil niedergelegt. Ein Heeresmusikkorps aus Ulm spielte beide Nationalhymnen. Aber eine bestimmte Geste hatte besonderes Gewicht, und dies auch deshalb, weil ein französischer Minister, nämlich der Verantwortliche für die Anciens Combattants, Maurice Plantier, und der höchste Vertreter der Bundesrepublik in Frankreich, nämlich Botschafter Axel Herbst, beteiligt waren: Ein blau-weiß-rotes und ein schwarz-rot-goldenes Band wurden durchschnitten: Zwei Heckenbäume, die von den Bändern gerade noch gehalten wurden, fielen nieder. So öffnet sich jetzt der eine Gräberteil zum anderen.

Franzosen lieben Hecken, Abgrenzungen. Wenn sie diese entfernen, will das etwas bedeuten.