Libyen, Land des Öls und der Wüstensonne, will ein Atomkraftwerk kaufen, liefern will es die Sowjetunion. Als dieser seltsame Handel im Oktober ruchbar wurde, gab es weder Schlagzeilen noch Dementis, obwohl die Absicht eine kleine Sensation wert gewesen wäre. Denn die Sowjets schienen plötzlich bereit, mit einer geheiligten Tradition zu brechen. Bisher hatten sie das Problem der Kontrolle – und des militärischen Mißbrauchs – von Atomreaktoren auf eine ebenso elegante wie effektive Weise gelöst: Außer an Finnland lieferte Moskau Kernkraftwerke nur an solche Länder, wo bereits sowjetische Truppen stationiert sind.

Ghaddafis Atom-Ehrgeiz ist nicht neu. Nach jahrelangem Suchen wandte er sich an die Moskowiter. Schon 1969 hatte er seinem Idol Nasser angeraten, eine Atombombe zum Einsatz gegen Israel zu kaufen. Als dieser entgeistert abwehrte, schickte Ghaddafi seinen engsten Vertrauten Dschallud nach Peking. Auch dort war kein Geschäft zu machen: Tschou En-lai verwies höflich lächelnd auf Selbstverlaß in allen Dingen, also auch bei der Aneignung von Atomwaffen.

Heute wehren die Libyer alle Unterstellungen ab: Sie wollen den Reaktor für zutiefst friedliche Zwecke einsetzen, – nämlich zur Entsalzung von Meerwasser. Eine renommierte amerikanische Wissenschaftsorganisation, die 5000 Mitglieder zählende Federation of American Scientists, will es besser wissen. Ihr Geschäftsführer Jeremy Stone, ein langjähriger Pugwash-Veteran und Rüstungskontrollverfechter, ist gerade mit einem alarmierenden Bericht aus Libyen zurückgekehrt: Ein hoher Beamter im Außenamt, Achmed el-Shahati, habe ihm bestätigt, daß Libyen den Besitz von Atomwaffen anstrebe. Dies wäre eine klare Verletzung des Atomsperrvertrages, den auch Libyen unterzeichnet hat.

George Rathjens, Professor am Massachusetts Institute of Technology, schätzt, daß der geplante 400-Megawatt-Reaktor Plutonium für zwei Dutzend Atombomben im Jahr hergeben könnte – wenn es den Libyern gelänge, auch noch das nötige Beiwerk wie eine Aufbereitungsanlage anzuschaffen. Der Wissenschaftlerbund hat nun das getan, was die offizielle amerikanische Politik anscheinend versäumt hat: In einem Brief an Botschafter Dobrynin hat er die Sowjets aufgefordert, das Geschäft zu überdenken.

Es ist höchste Zeit – auch für Jimmy Carter, der im Vorjahr zwar den Konflikt mit Bonn nicht scheute, um das deutsch-brasilianische Atomabkommen zu entschärfen, aber in Sachen Libyen immer noch schweigt. Das Exportgeschäft mit Libyen, das sich bisher nicht gerade als verantwortungsvolles Mitglied der Völkerfamilie hervorgetan hat, schlüge eine gefährliche Bresche in die Mauer der Nichtverbreitung, an der Amerikaner und Sowjets seit zehn Jahren bauen. Profit hin oder her: Dieser "Durchbruch gefährdet den Osten genauso wie den Westen.

Josef Joffe