Unterm 4. Mai 1915 schreibt der Sanitätsgefreite Max Beckmann, der in Flandern stationiert ist und an einem Wandgemälde für eine Entlausungsanstalt arbeitet: "Beim Nachhausegehen beobachtete ich ein paar kartoffellegende Weiber mit zwei Bauern mit riesigen Hacken. Lange, böse Kerle, die mit Wucht draufschlugen. Von weitem sahen sie aus wie mähende Schnitter des Todes." Die abgebildete Zeichnung ist "Skizze nach der Natur" und zugleich auch schon auf eine inhaltliche, symbolische Bedeutungsschicht angelegt. "Der demonstrative Vorzeigegestus, mit dem die Bauern die schräg gehaltenen Hacken zur Geltung bringen, sowie ihr betonter Schrittgestus auf den Betrachter zu geben der Darstellung ein Moment der Bedrohlichkeit" heißt es in der Monographie, die Stephan von Wiese dem Zeichner Beckmann gewidmet hat ("Max Beckmanns zeichnerisches Werk 1903–1925", Droste Verlag, Düsseldorf, 1978; 232 S., 179 Abb., 78,– DM), Es handelt sich, mit Erstaunen stellt man es fest, um die erste systematische Bearbeitung der Zeichnungen, wobei zahlreiche bisher unbekannte Blätter publiziert werden. Der Anhang enthält außerdem ein kritisches Werkverzeichnis der zwischen 1903 und 1925 zu datierenden Zeichnungen mit insgesamt 569 Nummern, ein zuverlässig und gründlich erarbeiteter Katalog, der freilich, bei einem über die Welt verstreuten Œuvre, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Durch zahlreiche Einzelanalysen, die mit Zitaten vor allem von Beckmann selbst abgesichert werden, kann Stephan von Wiese nachweisen, daß der Weltkrieg auch für den Zeichner Beckmann eine künstlerische Zäsur und ein Schlüsselerlebnis bedeutet, unter dem die bisherigen ästhetischen Maximen zerbrechen, das ihn zwingt, seine eigene "anti-klassische" Formensprache zu entwickeln: die Antwort des Zeichners auf das Erschrecken vor der Realität. Der Stilumbruch wird nicht beschönigt oder kaschiert, man muß ihn vielmehr als Voraussetzung verstehen für das dialektische Gegeneinander von "Dingform" und "Kunstform", das sich seitdem gerade in der Zeichnung als spontaner Reaktion auf die Wirklichkeit manifestiert, für Beckmanns verzweifelten Versuch, "diese gespensterhafte Welt zu einer Realität des Bildes" zu bringen. Das lesenswerte Buch endet mit Beckmanns frühen Frankfurter Jahren. Eine Fortsetzung, in der vor allem auch die großartigen Zeichnungen aus der Emigration herangezogen werden, wäre sehr zu wünschen. Gottfried Sello