ARD, 10. Dezember, 21.35 Uhr: "Gesche Gottfried" von Karl Fruchtmann

Radio Bremen, für seine zwei Fernsehspieltermine im Jahr immer auf der Suche nach dem Besonderen, hat sich diesmal eines Stoffs aus der Heimatgeschichte bemächtigt. Gesche Gottfried, eine Bremer Schneidermeistertochter, lebte in der Biedermeierzeit. Von den strebsamen Eltern zielsicher geleitet, heiratete sie mit 21 Jahren einen reichen Nachbarn und stieg aus der Schicht der "Sackleute" in die der "Seidenleute" auf, wie der Vater ihr die Klassengesellschaft zunftgemäß anschaulich machte. Zu spät sieht sie, wie morsch die ansehnliche Fassade schon ist: Der Gatte trinkt, hat die Syphilis und verschleudert das Vermögen. Die Ehe wird nicht glücklich, wie sollte sie wohl. Wieder einmal nimmt ein mühseliges und beladenes Frauenleben seinen Lauf. So weit, so gewöhnlich.

Das Besondere kommt ins Spiel, als Gesche (Sabine. Sinjen) wie aus heiterem Himmel anfängt, Konsequenzen zu ziehen, und mit frommem Augenaufschlag, aber desto unerbittlicher, beginnt, ihre Umgebung auszurotten. Erst muß der Gatte daran glauben. Sie vergiftet ihn mit Mäusebutter, auf Schwarzbrot serviert. Ihm hinterher befördert sie die Eltern – die Mutter bekommt das Ratzekraut in die Zitronenlimonade –, ihre drei Kinder, ihren Zwillingsbruder und schließlich sogar Herrn Gottfried, den hübschen Weinreisenden, den sie erst heiratet, als er schon halb im Jenseits ist. Noch weitere sieben Personen folgen, darunter die beste Freundin und deren Tochter. Obwohl sich die Morde häufen, gelingt es ihr lange Jahre, für die Augen der Öffentlichkeit ein Gott wohlgefälliges Witwenleben zu führen, bis das Schicksal sie schließlich ereilt. Am 21. April 1831 wird sie, 46 Jahre alt, auf dem Domhof vor 35 000 Zuschauern mit dem Schwert hingerichtet. Seitdem geistert sie durch die Bremer Heimatgeschichte. Und wurde auch schon Heldin in einem Stück von Fassbinder, in "Bremer Freiheit".

Die Hinrichtung hat es Karl Fruchtmann besonders angetan; mit ihrer theatralischen Inszenierung beginnt und endet der Film nicht nur, als Leitmotiv zieht sich der Weg zum Schaffott (Sabine Sinjens angstverzerrtes, graues Jungmädchengesicht) auch durch die dazwischenliegenden 95 Minuten. Dieser Weg gehört, so erklärt Fruchtmann schriftlich für alle die, die es durchs Hinsehen nicht begreifen, "zum Angreifendsten und Schrecklichsten, das ich gedreht habe". Doch hat er dies keineswegs aus Freude am Schrecklichen getan, betont er, sondern, um damit gegen die Todesstrafe zu demonstrieren, denn: "Neuere Meinungsumfragen sollen eine Mehrheit für die Wiedereinführung der Todesstrafe ergeben haben. Noch vor Jahren wäre das Zeilen des Gangs der Gesche zum Schaffott nicht nötig gewesen."

Das ist das Elend mit dem Drang zur höheren Bedeutung in der Fernsehspiel-Abteilung von Radio Bremen. Niemand dort scheint der greulichen Geschichte von der Gesche Gottfried zugetraut zu haben, daß sie auch schon für sich alleine wirkt. Aus Angst, unter der Hand womöglich "nur" einen historischen Krimi zu fabrizieren, wird die Geschichte mit Problemen und Ideen aus der Zeit der französischen Revolution bis zu Vietnam und zur Frauenbewegung unserer Tage so beschwert, daß man bald ermüdet und sehnsüchtig auf den ersten Mord wartet. Sein Publikum wird der Film dennoch finden – unter allen jenen, die Action und Milieu so wenig zutrauen, daß sie auch blutrünstige Geschichten lieber per Kopfarbeit erledigen. Kurz: so recht ein Film nach dem Herzen des evangelischen Pressedienstes. Nina Grunenberg