Von Rudolf Herlt

Im Bewußtsein der Deutschen wird sich nur wenig verändern, wenn zu Beginn des neuen Jahres das viel gescholtene und zuweilen hoch gelobte Europäische Währungssystem doch noch seine Arbeit aufnimmt. Außer den Schöpfern und ihren Helfern hat es niemand voll verstanden. Der deutsche Bürger wird es weiter mit der Mark, einer von vielen verschiedenen europäischen Währungen, zu tun haben. Allenfalls wird er stärker als bisher von der Angst geplagt werden, daß seine Regierung nunmehr ewig für die liederliche Inflationspolitik der schwächeren Partnerländer zahlen muß – und daß dabei auch die Mark, die in der letzten Zeit so herrlich stabil war, wieder in den Strudel der Geldentwertung stürzt.

Es mag eine ganze Weile dauern, ehe die Skeptiker merken, daß die Währungsunsicherheit nachläßt; daß wieder Ruhe in Handel und Wandel mit dem Ausland einkehrt; daß alle Nutzen daraus ziehen, auch die Arbeitnehmer, von denen bei uns immerhin fünf Millionen damit beschäftigt sind, Waren fürs Ausland herzustellen und zu vertreiben oder Dienstleistungen jenseits unserer Grenzen anzubieten.

Die Frage ist dennoch alles andere als akademisch, ob der neue Anlauf zur Überwindung der europäischen Währungszersplitterung gelingt. Anfang der siebziger Jahre scheiterte der erste Versuch am mangelnden politischen Willen der Regierungen, die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen Währungsverbund zu schaffen, der funktionieren konnte. Der zweite Anlauf könnte daran scheitern, daß die schwächeren Länder mehr Geld fordern, als die starken zahlen wollen.

Die Länder Westeuropas sind in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung nicht im Gleichschritt marschiert. Europa muß also vorerst mit währungspolitischen Ersatzlösungen auskommen. Dazu zählte bisher der schon bestehende europäische Währungsverbund, die "Schlange". Die Schlangenländer Bundesrepublik, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Dänemark und als assoziiertes Land Norwegen arbeiten im Verkehr untereinander mit amtlich festgesetzten Kursen: Das ist möglich, weil ihre relative Wirtschaftskraft keine gravierenden Unterschiede aufweist. Lief die Entwicklung trotzdem einmal auseinander, waren die Regierungen bereit, die festen Umtauschkurse zu verändern. Wer seine Währung nicht abwerten wollte, mußte Stabilitätspolitik betreiben. Die deutschen Erfahrungen mit der Schlange waren gut.

So waren es denn auch nicht bloß ökonomische Motive, die den deutschen Kanzler und den französischen Staatspräsidenten veranlaßten, den kühnen Entwurf eines Europäischen Währungssystems zu entwickeln. Die deutsch-französische Aussöhnung ist für Helmut Schmidt – wie seinerzeit für Konrad Adenauer – eine Dominante der deutschen Außenpolitik. Ein geteiltes Land in solch exponierter Lage wie die Bundesrepublik braucht die Solidarität der Partner. Sie kann sich am besten in dem Bereich erkenntlich zeigen, in dem sie stark ist – im wirtschaftlichen.

Schließlich war die Zweiteilung der Europäischen Gemeinschaft in Schlangenländer und Außenstehende unbefriedigend. Die beiden Teile waren immer in der Gefahr, noch weiter auseinanderzutreiben. Gemeinschaftseinrichtungen wie die europäische Agrarpolitik oder der gemeinsame Haushalt, die einst unter der Voraussetzung fester Währungsverhältnisse geschaffen wurden, drohten, funktionsunfähig zu werden. Hätten Giscard und Schmidt nicht zum Sammeln geblasen, stünde es schlecht um die weitere Entwicklung der Gemeinschaft; auch das schon Erreichte könnte auf die Dauer kaum gesichert werden.