Von Daghild Bartels

Sind die Jahresausstellungen des Deutschen Künstlerbundes repräsentativ für die aktuelle bundesdeutsche Kunstszene, für die heutige Kunstproduktion? Zweifel an dieser These waren immer angebracht, und auch die diesjährige, die 26. Jahresausstellung in West-Berlin ist wenig geeignet, sie auszuräumen, obwohl sie sicher die bisher qualitätvollste, umfangreichste und vom Thema her die ambitionierteste ist. Auf die drei prominentesten Ausstellungsorte, die Berlin hat, verteilt (die Akademie der Künste, die Neue Nationalgalerie und die Staatliche Kunsthalle), inseriert sich das Ausstellungstrio nämlich unter dem Generalthema "Artikulation des Raumes".

Diese Themenstellung erweist sich jedoch als unklug, wenn nicht falsch, sie wird der Ausstellung eindeutig zum Nachteil. Denn bekanntlich folgen Künstler nur ungern einer thematischen Aufgabenstellung, und auch der Künstlerbund kann sie, wie anschaulich bewiesen wird, dazu nicht ermuntern. Die bunte Arochage, bestückt von 341 Künstlern mit 600 Arbeiten (1350 waren eingereicht), ist zwar an Qualität, nicht jedoch am Titel orientiert.

Ist schon der Versuch, die künstlerische Produktion der Künstlerbund-Mitglieder und ihrer Gäste unter ein Thema zu fassen, prinzipiell fragwürdig, so setzt die Gliederung, auf die drei Häuser bezogen, neue Fragezeichen, denn man verfuhr da rein formalistisch. In der Akademie wurden die Realisten im weitesten Sinne versammelt, die figurativen Künstler; in der Nationalgalerie findet man die Nicht-Figurativen, die Konkreten, Konstruktivisten, Kinetiker oder Abstrakten. Diese Dividierung, so wird erzählt, erfolgte auf Künstlerwunsch und will keinen ideologischen Streit dokumentieren oder gar vertiefen. Sie ergibt letztlich aber nur eine platte Ordnung und schließt so alles, was sich zwischen den beiden Polen etabliert hat, aus. Auf beide Ausstellungen trifft außerdem zu, daß sie mit "Artikulationen des Raumes" nichts im Sinn haben. Die Katalogautoren tun sich denn auch schwer, das bunte Gemisch der eingereichten Exponate dennoch unter den Titel zu zwingen. So definiert der Künstlerbund-Vorsitzende Otto Herbert Hajek: "Die Gesamtausstellung soll die besondere Problematik des Raumes aufzeigen, wie er sich in der bildenden Kunst darstellt, im öffentlichen Leben auf den Menschen wirkt, und wie der öffentliche Raum durch Kunst verändert werden kann."

Wer von daher auf künstlerische Auseinandersetzungen mit dem öffentlichen Raum oder Darstellungen moderner Urbanität geschlossen hatte, der sieht sich getäuscht. Selbst die Realisten mit ihrer bevorzugten Naheinstellung auf wunde Punkte der Gesellschaft verweigern sich hier weitgehend einem Raum-Begriff, der Öffentlichkeit impliziert; er wird fast generell aufs Private, Individuelle reduziert, und diverse Stilleben verkehrte ihn sogar zur Idylle. "Raum" wird als Zimmer, Wohnraum, als Landschaft, Eisenbahnwaggon oder Operationssaal interpretiert, aber auch Einzel- oder Gruppenporträts ließ die Jury als "Raum-Artikulationen" gelten. Eine Raum-Auffassung also, so wird versichert, die bewußt weit gefaßt sein sollte, letztlich jedoch eher eine strikte Verengung bedeutet, wie Dieter Honisch im Katalog ungewollt beschreibt, nämlich als, mit Cézanne beginnend, künstlerische Auseinandersetzung mit der Bildfläche. Und damit sind der Beliebigkeit der Arbeiten keine Schranken mehr gesetzt. Will man hier die Realisten und dort die Abstrakten auf einen Nenner bringen, so definieren beide Gruppen "Raum" eher exnegativo, weitgehend abstrahiert von der Gesellschaft, der Öffentlichkeit, als künstlerisches Form-Problem oder als räumliche Vision.

Und so bleibt für die Beurteilung der Ausstellungsensembles allein der ästhetische Gesamteindruck, der in der Nationalgalerie eindeutig gelungener ist. Die Präsentation dort ist stimmig, wenn auch ein wenig steril.

Daß man überhaupt andere Erwartungen an diese Künstlerbundausstellung herantrug, ist dem dritten Part zu verdanken, der sich mit dem Spezialtitel "Kunst im Raum der Architektur" annonciert und ganz dezidiert die "Kunst im Bau" meint. Das Beziehungssystem von Raum, Architektur und Kunst, so hatte man irrtümlich assoziiert, werde auch bei der Auswahl der Kunstwerke die Leitlinie geben. Dieser dritte Teil (in der Kunsthalle) wird nun aber zur größten Enttäuschung, nur notdürftig geordnet präsentiert er in Modellen, Großphotos und Texttafeln eine bunte Palette verfehlter Kunst-am-Bau-Politik, ohne diese jedoch irgendwie in Frage zu stellen. Herrmann Wiesler, der Inszenator dieses überfüllten und unübersichtlichen Panoramas, will solche Vorwürfe entkräften, indem er beteuert, man habe bewußt eine "Werkstattausstellung" gewollt, der kein Konzept ein Korsett geben sollte. Nun fehlt ihr aber auch jede Perspektive. Sie bleibt eine nicht stichhaltige Rekapitulation des Gehabten, die die gesamte aktuelle Diskussion über Kunst am Bau ignoriert und deshalb auch jene Beispiele, die auf eine neue Integration von Kunst und Architektur zielen, ausklammert.

Kurzum, der Künstlerbund sollte, statt die Arbeiten seiner Künstler künstlich unter ein Thema zu zwingen, künftig ehrlicherweise das inserieren, was er tatsächlich bietet: ein Sammelsurium (bis 3. Januar 1979, Katalog 18 Mark)