Von Eduard Neumaier

Bukarest, im Dezember

Dunkler als gewöhnlich liegt Bukarest unter der Super-one-eleven der rumänischen Fluggesellschaft Tarom. Zum sternenklaren Himmel schimmert nur das Licht der wichtigsten, spärlich beleuchteten Straßenzüge. Ist dies bereits das erste Zeichen, daß das Land im Schutze der Nacht gleichsam jede Orientierung erschweren will, wenn feindliche Maschinen, so wie in der Nacht zum 21. August 1968 über der Tschechoslowakei, womöglich auch über Rumänien dröhnen? Sind unten auf dem Boden jene Flugabwehrbatterien alarmiert, die seit 1968 alle Flughäfen Rumäniens beschützen?

Nach einer Woche ungewöhnlicher Hektik erwarten Besucher aus dem Westen, auf ein martialisch gerüstetes Volk zu treffen. Der Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu, der eine Woche zuvor vom Moskauer Gipfeltreffen zurückgekehrt war, hatte eine Alarmstimmung erzeugt, die das Schlimmste befürchten ließ. Nachdem die Sowjets 1956 den ungarischen Aufstand niedergewalzt, 1968 die tschechoslowakische Frühlingspflanze zertreten hatten – warum sollte nun zehn Jahre später nicht auch der rumänische Eigensinn gebrochen werden?

Prophezeit wird dem Land eine sowjetische Strafaktion schon lange. Und die kalt kalkulierte Verbrüderung Rumäniens mit Moskaus meistgehaßtem Feind China, dazu Ceausescus obstinates Verhalten gegenüber praktisch allen sowjetischen Wünschen und seine offen geäußerten Zweifel am Weltbild des Großen Bruders schienen den Geduldsfaden der Sowjets zerrissen zu haben. Doch die Mutmaßungen im Westen sind eines – die rumänischen Befürchtungen ein anderes.

Am Rhythmus des Landes hat sich nichts Wesentliches verändert. Passagiere warten am Flughafen wie immer eine Stunde lang auf ein Taxi, das auch dann nur mittels Devisen-Bakschisch zu bekommen ist. An den Straßenkreuzungen pfeifen grau-uniformierte Polizisten schrill verwirrende Kommandos. Und für Äthiopiens Diktator Mengistu wird das protokollarisch gebotene Kontingent einer Jubelkulisse aus den Betrieben in die eisige Kälte an den Straßenrand dirigiert.

Mit anderen Worten: In Rumänien ist alles normal, einschließlich der des nachts lichtlosen Stadviertel, der Einheitstemperatur in den Büros und Hotels (18 Grad), der wartenden Schlangen auf dem Bauernmarkt, wo kleine Häuflein verhutzelten Obstes, fleckiger Tomaten, von Feldmäusen angefressener Karotten ihre Käufer finden. Den Rumänen steht ein kalter, entbehrungsreicher Winter bevor: Ihre Sorge ist nicht, ob und wie sie sich gegen einen Aggressor wehren sollen, sondern woher sie ein Stück Fleisch bekommen. So knapp ist es, daß sogar im Sommer, als der chinesische Parteichef Hua Kuo-feng die sozialistischen Errungenschaften bewundern sollte, die Partei alle in Bukarest vorhandenen Fleischstücke und aus Siebenbürgen eine Ladung Salami anfahren ließ, um einen potemkinschen Fleischberg aufschichten zu können.