Von Rosemary Callmann

Duisburg/Frankfurt a. M.

Das vorerst letzte, was Stefan Lichtrauter, 64 Jahre alt und Senior der Bürgerinitiative "Rheinpreußen-Siedlung" im Duisburger Stadtteil Homberg, zu sich genommen hat, war ein Schnitzel mit Pommes frites. Das war am Sonntag, dem 3. Dezember 1978, um 23.30 Uhr in einem Frankfurter Spezialitätenrestaurant. Seither haben sich Stefan Lichtrauter, 41 Jahre lang Bergmann auf der Zeche "Rheinpreußen", und neun weitere Bewohner der um die Jahrhundertwende erbauten Zechensiedlung zu einem Protest der leeren Mägen auf der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt versammelt.

Gegenüber dem Hauptportal der "Berliner Handels- und Frankfurter Bank" (BHF) wollen sie bis zum 9. Dezember um den Erhalt ihrer alten Heimat hungern. "Es läuft einmalig", lassen die Hungernden die Daheimgebliebenen wissen. Auf Flugblättern und Transparenten machen, sie Passanten auf ihre Misere aufmerksam und rufen zur gemeinsamen Aktion gegen die Banken auf, die dem Kahlschlag das Wort reden, um Bungalows zu errichten.

Der Grund für den Grabenkrieg und Dauerkonflikt entstand in den sechziger Jahren, als der später in Konkurs gegangene Homburger Baulöwe Josef Kun die Zechensiedlung kaufte, umsie (und sich) zu sanieren. Die Hälfte der anderthalbgeschossigen und von Gärten umgebenen Zechenhäuser ließ er abreißen und durch Hochbauten ersetzen, in denen die Miete das Sechsfache kostet. Die Bauten aus Glas und Beton keilen heute die Restbestände von "Rheinpreußen", zwei in sich geschlossene Wohnbereiche, ein und sind stetige Mahnmale einer drohenden Vertreibung.

Als Josef Kun von seinem wackeligen Kreditgerüst stürzte, traten die Gläubiger in Aktion. Allen voran die Frankfurter BHF-Bank, stellten sie Abbruchanträge für die restlichen 550 Wohnungen, signalisierten aber auch Bereitschaft, das Gelände für 35 Millionen Mark zu verkaufen.

Abrißbagger und Spekulanten sind seither ein Alptraum für die 2000 "Rheinpreußen"-Bewohner. Der Klagekatalog der 1975 gegründeten Bürgerinitiative ist lang: "Leerstehende Wohnungen werden nicht mehr vermietet, und Familien, die Kosten für Reparaturen im Haus erstattet haben wollen, werden vom Zwangsvollstrecker mit Kündigungsschreiben schikaniert." Die Folge: Von den 550 Wohnungen stehen 100 leer und würden verfallen, wenn die Initiative sie nicht in Pflege hätte.