Von Rolf Kunkel

Hochleistungssport ist heute ohne leistungsfördernde Medikamente nicht mehr denkbar. Wer die Berichte, die Schlagzeilen, die Affären verfolgt, muß den Eindruck gewinnen: Doping allüberall im Sport. Ist der Mißbrauch noch zu kontrollieren? Unser Mitarbeiter sprach mit Dr. Manfred Donike, Professor für Biochemie, des Sports und Beauftragter für Doping-Analytik des Bundesinstituts für Sportwissenschaft in Köln.

Frage: Trotz schöner Sonntagsreden der Sportfunktionäre hat der Medikamentenmißbrauch im Leistungssport ein Jahr nach Verabschiedung der Doping-Charta durch den Deutschen Sportbund eher zu- als abgenommen. Elf der 22 Fachverbände, die olympische Sportarten betreiben, haben von der Möglichkeit zu Dopingkontrollen keinen Gebrauch gemacht und daher auch keinen Anspruch auf Bundesmittel. Diese Zahlen erwecken den Eindruck, als seien manche Verbände nicht an Kontrollen interessiert. Müßte man sie nicht – wie in Belgien – mit einer gesetzlichen Regelung dazu zwingen?

Donike: Die Feststellung, daß der Dopingmißbrauch eher zu- als abgenommen hat, ist nach meiner Beurteilung unzutreffend. Die Fakten für das fast abgeschlossene Sportjahr 1978 sind: Bisher haben wir etwa 800 Urinproben für die deutschen Amateursportverbände analysiert. 14 Proben ergaben ein positives Ergebnis, davon acht positive mit Anabolika. Dies ist ein Prozentsatz, der nicht höher liegt als in den vergangenen Jahren.

Was die Anzahl der kontrollierenden Verbände angeht, so ist diese, verglichen mit den Vorjahren, beträchtlich gestiegen: 1976 haben nur vier Verbände von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Dopinganalysen durchführen zu lassen, 1977 waren es sechs Verbände und 1978 werden es wohl zwölf Verbände sein. Ich sehe sowohl in dem Anstieg der Analysenzahlen als auch in der wachsenden Zahl der kontrollierenden Verbände eine positive Konsequenz der Rahmenrichtlinien und der vorhergehenden Diskussion. Für die kommenden Jahre erwarte ich, daß die Anzahl der Analysen und die Anzahl der kontrollierenden Verbände weiter ansteigt, nicht zuletzt, weil ein schon älterer Vorschlag von mir aufgegriffen wird, nämlich die Einrichtung einer zentralen Dopingkontroll-Organisation. Auf lange Frist wird es wohl zu einer gesetzlichen Regelung: kommen, da der Tatbestand des Dopings weit Über den Sport hinausreicht und von allgemeiner gesundheitspolitischer Bedeutung ist.

Frage: Der einzelne Sportler ist bekanntlich nicht besser und nicht schlechter als die Gesellschaft, in der er lebt. Es ist daher eine Illusion zu glauben, daß mit noch so grandios ausgebauter Dopinganalytik und einem entsprechend intensiven Kontrollsystem das Dopingunwesen ausgerottet werden könnte. Dient Ihre Arbeit also in erster Linie der Verhinderung des Schlimmsten?

Donike: Wenn ich die Frage nicht nur auf die Arbeit des Analytikers beziehe, sondern allgemein auf die Dopingkontrollen anwende, so würde ich es lieber so formulieren: Die Dopingregeln setzen Grenzen im Rahmen der Wettkampfregeln, die von den Athleten, von den Trainern und den Sportmedizinern nicht überschritten werden sollen. Die Dopinglisten sind so gestaltet, daß leistungsverfälschende oder gesundheitsgefährdende medikamentöse Maßnahmen verboten sind. Die Kontrollen haben eine nachweisbare, abschreckende Wirkung und erfüllen somit ihren Zweck. Ein Beispiel: Im Berufsradrennsport gingen bis 1967, dem Jahr der Einführung von Dopingkontrollen, nahezu alle Rennfahrer mit irrsinnig hohen Dosen Amphetamin gedopt an den Start. Ein positiver Amphetamin-Fall ist heute im Radrennsport eine Rarität.