Von Sibylle Ahlers

Seit er dabei ist, sich selbständig zu machen, sieht man ihn in keiner Kneipe mehr. Auch die Freundinnen machen sich rar; denn als Gründer einer Auto-Schnelldienst-Werkstatt verbringt er täglich mindestens 14 Stunden im Geschäft, am Sonnabend werden es zehn Stunden; und am Sonntag nach dem Hockey – fit muß man bleiben – verschwindet er mit ein paar Broten noch mal für sechs Stunden im Büro. Einziger Trost der strapazierenden Gründungsphase: Das Geschäft floriert, die Anfangsschwierigkeiten sind überwunden, die Arbeitszeit wird bald auf siebzig Stunden zu reduzieren sein. Nach zwei Jahren Streß denkt Jochen B. zum erstenmal an eine Ferienreise und – sogar ans Heiraten...

"Apropos heiraten; es war außerordentlich hilfreich, daß ich mich als Junggeselle aufs unternehmerische Glatteis begeben habe. Um eine Familie hätte ich mich nämlich beim besten Willen nicht auch noch kümmern können. Man ist ja nicht nur zeitlich enorm engagiert, sondern das ungeheure Risiko, das man bei einer Existenzgründung eingeht, belastet das Privatleben ganz erheblich."

Als er beschloß, der Vierzig-Stunden-Woche, der geregelten Arbeits- und Freizeit und so manchen anderen Annehmlichkeiten des Angestelltendaseins ade zu sagen, um sich auf eigene Füße zu stellen, war er dreißig Jahre alt, hatte nach dem Betriebswirtschaftsstudium zwei Jahre alle Abteilungen eines Automobilkonzerns durchlaufen und zwei Jahre in einem Industriebetrieb als Programmierer gearbeitet. Dann witterte der alte Autofan eine Marktlücke und beschloß, einen Auspuff-Schnelldienst zu eröffnen.

Zunächst begann er stapelweise Fachzeitschriften zu lesen, um sich das fehlende Spezialwissen anzueignen, tummelte sich auf allen Fachmessen, versuchte mit Praktikern ins Gespräch zu kommen, einen geeigneten Standort zu finden, einen tüchtigen Kfz-Meister aufzutun und vor allem die größte Hürde auf dem Weg in die, Selbständigkeit zu nehmen: die Kapitalbeschaffung.

Dazu muß ein Papier verfaßt werden mit man braucht, Umsatz-, Kosten- und Gewinnvorstellungen und die Höhe des Eigenkapitals. Mit diesem Skript läuft man in möglichst korrekter Aufmachung von einer Bank zur anderen und alle stellen die gleiche freundliche Frage: Deine Idee ist zwar gut, aber wo hast Du Sicherheiten? Eine Eigentumswohnung, Aktien, Beteiligungen, Gold im Safe, eine reiche Großmutter ... Hat man all dies nicht – und die meisten Anfänger haben das nicht –, kommt es darauf an, die Bank im persönlichen Gespräch davon zu überzeugen, daß das, was man tun will, Hand und Fuß hat, und daß man obendrein ein "seriöser Mensch" ist. Und das ist außerordentlich schwer.

Es sei denn, man hat Glück: Jochen B. kannte den Banker und erhielt nach vier Monaten die Kreditzusage. Er ließ seine neue Firma ins Handelsregister eintragen und nahm nun – über beide Ohren verschuldet – sein Schicksal allein in die Hand. "In den ersten Monaten war ich einem ungeheuren Nervenkitzel ausgesetzt; denn ich sah mich nur munter Schecks und Überweisungen ausschreiben, obwohl keine Mark hereinkam und mein Konto in rasantem Tempo klein und kleiner wurde."