Hamburgs Bürgermeister Hans-Ulrich Klose schwenkt auf neuen Kurs

Von Dieter Buhl

Eindeutig läßt er nicht erkenne, ob ihn die kritische Aufmerksamkeit nun freut oder schmerzt. Das jungenhafte Gesicht, zerknautscht wie immer, wenn er scharf nachdenkt, verweigert die Antwort. Nur die Stimme verrät beleidigtes Unbehagen, als Hans-Ulrich Klose feststellt, jetzt sei es wohl er, "dessen Worte genau gewogen werden". Das trifft gewiß zu. Es gab viel zu wiegen an dem, was der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt letzthin zu sagen hatte. Über dem allgemeinen Erstaunen, welche Linkslastigkeit seine Worte verkünden, wurde vielfach vergessen zu fragen, ob manche der umstrittenen Äußerungen Kloses nicht eher für zu leicht befunden werden sollten.

Immerhin gelingt Hans-Ulrich Klose in diesen Tagen, was seine Vorgänger im neugotischen Rathaus nie schafften oder auch nicht schaffen wollten: Er versorgt die Republik mit Stoff für Schlagzeilen. Die Bundesbürger mögen über den plötzlichen Nachrichtenfluß aus der sonst so geruhsamen Hansestadt staunen, am meisten aber wundern sich die Hamburger selber. Sie haben allen Grund dazu. Denn die Suada des Senatsvorstehers könnte bei ihnen die Vermutung wecken, daß sie auf einmal ein ganz anderer regiert als jener, den sie vor just fünf Monaten mit großer Stimmenmehrheit in seinem Amt bestätigten.

Der Klose, den die Hamburger im Juni wählten, schien in ein Bilderbuch für politische Nachwuchskräfte zu passen. Moderat im Ton und freundlich im Umgang, so präsentierte vor allem die marktbeherrschende Springerpresse den jungen Mann im Rathaus. Er galt inzwischen vielen als ein Musterenkel der hanseatischen Überväter vom Schlage Brauers oder Weichmanns. Seine Politik fand nur beiläufige Beachtung. Dafür füllten Berichte über Freud und Leid der first family fast täglich die Zeitungsspalten. "Unser Ulli" – er war der Beste.

Ganz hat diese Idylle nie gestimmt. Hans-Ulrich Klose, der fürsorgliche Familienvater, der fröhliche Diskothekengast und freundliche Festtagsredner hat nebenbei stets regiert. Vor allem zu Anfang, als er im Herbst 1974 das Amt von seinem glücklosen Vorgänger Peter Schulz übernahm, und den Schuldenberg der Hansestadt mit einem drastischen Sparprogramm zu drücken suchte. Daneben unternahm er auch immer wieder gedankliche Ausflüge aus dem politischen Alltagsgeschäft, in statthaften Bahnen selbstverständlich. Klose referierte mit Breitenwirkung über die Unregierbarkeit der Städte; er verkündete von der Kanzel Nachdenkenswertes über moralische Grundwerte; er trug sogar zur Diskussion über die Verteidigung der norddeutschen Tiefebene sein Scherflein bei. Alles in allem aber konnte der Bürgermeister noch im vergangenen Jahr zu Recht behaupten, "ohne großen Theaterdonner in Hamburg Akzente gesetzt" zu haben.

Dafür donnert Hans-Ulrich Klose jetzt um so mehr. Er packte das "Zerreißthema" Extremistenbeschluß an und schockierte Freunde wie Gegner mit dem Satz: "Ich stelle lieber 20 Kommunisten ein, als daß ich 20 000 junge Leute verunsichere." Vor zwei Wochen geriet er auf einem Landesparteitag in dieser Frage mit dem Kanzler über Kreuz; es kam zu einem öffentlichen und bitteren Bruderzwist im Hause Hamburg, wie ihn selbst altgediente Genossen noch nie erlebt haben. Schließlich bekannte er sich zu Teilen der Stamokap-Analyse, die "eine gewisse Entsprechung in der Wirklichkeit" Binden. Daß er seine neuen Erkenntnisse ausgerechnet in Konkret ausbreitete, einem Blatt, das ordentliche Sozialdemokraten nicht einmal unter dem Tisch lesen, brachte den Topf vollends zum Überlaufen.