Eine Umfrage der ZEIT zum Arbeitskampf in der Stahlindustrie

Die IG Metall streikt für kürzere Arbeitszeit – doch die Bevölkerung möchte mehr Urlaub

In der Stahlindustrie wird mit schweren Säbeln gefochten: Mit Streik und Aussperrung kämpfen Gewerkschaften und Arbeitgeber um eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit. Aber den "Einstieg in die 35-Stunden-Woche", den die IG Metall in der Stahlindustrie von Nordrhein-Westfalen, Bremen und Osnabrück mit Hilfe eines Arbeitskampfes erzwingen will, hält die IG Metall in Franz Steinkühlers Stuttgarter Tarifbezirk offenbar für weniger wichtig. Dort fordern die Metaller statt kürzerer Arbeitszeit, was die Arbeitgeber an der Ruhr zunächst vergebens angeboten haben: sechs Wochen Urlaub für alle.

Über den erbitterten Streit der Tarifparteien wurde vollkommen vergessen zu fragen, was die Arbeitnehmer wirklich wollen: mehr Urlaub oder kürzere Arbeitszeit.

Die ZEIT hat daher das Institut für Demoskopie Allensbach beauftragt, die Ansicht der "Basis" zu erkunden. Das Ergebnis sollte die Funktionäre nachdenklich stimmen: Mit 60 Prozent geben doppelt so viele der Befragten einem längeren Urlaub den Vorzug vor ein paar Stunden weniger Arbeit in der Woche. Von den berufstätigen Bundesbürgern (in den Tabellen auf dieser Seite nicht gesondert ausgewiesen) halten 62 Prozent mehr Urlaub für die wichtigste Forderung, und von den Arbeitnehmern, die gewerkschaftlich nicht organisiert sind, sogar 63 Prozent, Doch selbst Gewerkschaftsmitglieder geben mehrheitlich einem längeren Urlaub den Vorzug. Die geringe Zahl der Unentschiedenen deutet überdies darauf hin, daß diese Frage unter den Kollegen ausdiskutiert worden ist. Die Mehrheit für längeren Urlaub ist also stabil.

Bemerkenswert ist aber auch der unerwartet hohe Anteil derjenigen, die eine Verbesserung der Verhältnisse am Arbeitsplatz für das vordringlichste Anliegen halten. Von allen Berufstätigen sind immerhin 56 Prozent dieser Ansicht. Selbst unter den Gewerkschaftsmitgliedern wird von fast doppelt so vielen Befragten besseren Arbeitsbedingungen der Vorzug vor höheren Löhnen gegeben.

Wenn die Gewerkschaftsführer bisher der massive waren, daß sie durch hartes Auftreten und massive Forderungen die Zahl ihrer Anhänger steigern können, müssen sie auf Grund dieser Umfrage ihre Taktik überprüfen. 66 Prozent aller Befragten, 65 Prozent aller Berufstätigen und immerhin auch eine deutliche Mehrheit aller Gewerkschaftsmitglieder (54 Prozent) sind der Ansicht, daß angesichts eines schwächeren Wirtschaftswachstums auch die Lohnforderungen eingeschränkt werden sollten.