Von Fritz J. Raddatz

Das Spiel beginnt. Rien ne va plus. Damit beendeten wir vor fünf Wochen die Vorstellung einer so ernsten wie gleichzeitig leichtsinnigen Unternehmung: Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher. Wir hatten versucht, unseren Lesern die pädagogische Absicht zu verdeutlichen, durch diesen Versuch in größerem Maßstab vornehmlich junge Menschen wieder zum Lesen zu bringen, und wir hatten auch klargemacht, daß diese Unternehmung, vor allem die Auswahl, so bestreitbar wie in der Redaktion selber umstritten ist.

Das Echo allerdings übertrifft alle Erwartungen. Nicht immer können wir uns mit Zustimmungen wie der eines Lesers aus Brüssel schmücken, der uns schrieb, daß er die ZEIT wegen dieser Unternehmung nach 15 Jahren Unterbrechung zum erstenmal wieder kaufte. Sehr oft wurde Kritisches vorgebracht, zahlreiche Gegenvorschläge; gelegentlich, vor allem aus germanistischen Seminaren, kamen komplette Gegenlisten; das Bildungsbürgerliche vor allem ärgerte einige jüngere Leser, die etwa Adam Scharrer oder Ludwig Renn vermißten – also genau das Element vermehren wollten, das andere Leser wiederum heftig kritisierten, nämlich daß die Jury zu viele deutsche Autoren aufgenommen habe. Die hier ausnahmsweise einmal nicht auf der Leserbriefseite, sondern in den Spalten des Feuilletons, wo das Ganze nun einmal angerichtet wurde, in Auszügen abgedruckten Leserbriefe sind nur ein Bruchteil der zustimmenden und abwehrenden Post, ein kleiner Querschnitt. Ein kritisches Argument findet sich bemerkenswerterweise am häufigsten: Keine Frau in der Jury, nur eine (Renommier-?)Frau in der Autorenliste. Ein Argument, das die sympathische kritische Wachheit unserer weiblichen Leser dokumentiert – und ein Argument, das gleichzeitig mir zumindest überhaupt nicht einleuchtet: Welche Fehler immer die Herren Juroren gemacht haben mögen, den einen jedenfalls gewiß nicht: den Herrn Nadler und seine "Literatur nach Völkerstämmen" nun zu paraphrasieren und eine "Literatur nach Geschlechtern" zu entwerfen. Ausgewählt wurde nicht nach Mann oder Frau, nach rothaarig oder einäugig, sondern ausschließlich nach literarischen Kriterien; so kam auch Anna Seghers nicht "als einzige Frau" mit ins Spiel, sondern ihr Roman "Das siebte Kreuz" als ein gültiges Dokument der antifaschistischen deutschen Literatur; und so kam Virginia Woolf nicht deshalb nicht auf die Liste, weil sie beklagenswerterweise eine Frau ist, sondern weil andere, uns wichtiger scheinende Bücher sie verdrängten.

Eines ist klar: Jede andere zusammengesetzte Jury hätte ~~~~~~~~~ gesetzte Liste veröffentlicht. Literatur ist nun einmal – glücklicherweise? – zu guten Teilen etwas Subjektives und kann auch durch die Addition von fünf Literaturkundigen nur behelfsmäßig zu einem objektiven Befund zusammengefaßt werden. So kann und darf unsere Unternehmung als nichts anderes denn eine Anregung, ein Anstoß verstanden werden – und so haben es interessanterweise auch unsere ausländischen Kollegen aufgefaßt. Nicht zufällig publiziert zur selben Zeit in zwei aufeinanderfolgenden Heften die französische Wochenzeitschrift L’Express zwei große Artikelfolgen über die Frage "Kann man lesen lernen?". Und unsere Kollegen vom italienischen Espresso opferten gar neun ihrer kostbaren redaktionellen Seiten, auf denen sie die Initiative der ZEIT aufgriffen, kommentierten und variierten. Espresso druckte die "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher" ab, fragte führende italienische Intellektuelle wie Alberto Moravia, Giorgio ‚Manganelli, Alberto Arbasino und Luigi Malerba nach ihrer Meinung und stellte unserer Liste eine vom Espresso zusammengestellte eigene als Alternative entgegen – was wiederum die große italienische Zeitung La Repubblica zu seitenlangen Kommentaren über ZEIT und Espresso provozierte.

"Rien ne va plus" war wohl falsch, denn das Spiel hat begonnen, aber es geht offenbar weiter. Wir werden – kommt ZEIT, kommt Rat – das Gespräch mit unseren Lesern weiterführen, werden etwa eine Schulklasse oder ein Literaturseminar in die Redaktion einladen und eine solche Diskussion wiederum veröffentlichen.

Die Idee Ihrer Liste der 100 Bücher der Weltliteratur finde ich großartig – ebenso den dazugehörigen Artikel von Herrn Raddatz. Da Sie zur Teilnahme an dem "Spiel" aufrufen, möchte ich mich mit folgendem Vorschlag beteiligen:

Sicher erhalten Sie eine Reihe von Zuschriften, in denen Werke zur Ergänzung des von Ihnen aufgestellten Verzeichnisses genannt werden. Veröffentlichen Sie doch noch eine Liste, in der sich spiegelt, was Ihre Leser für Weltliteratur halten – alternativ zu Ihren Vorschlägen!