Von Nina Grunenberg

Wenn sie das Glück hatten, auf der diplomatischen Bühne eine Hauptrolle zu spielen und selber hinzuhören verstanden, schreiben Botschafter hinterher fast so gern ihre Erinnerungen wie Schauspieler. Ihre professionelle "Arbeit im Menschenfleisch" (Bismarck) ist Stoff genug; das tägliche Analysieren und Berichteschreiben ist ihnen meist schon zur zweiten Natur geworden. Doch nur sehr wenigen Exzellenzen ist bei dieser Beschäftigung so viel kultiviertes Talent beschieden wie

François Seydoux: "Botschafter in Deutschland. Meine zweite Mission 1965–1970"; Societäts-Verlag, Frankfurt, 1978; 219 S., 29,50 DM.

"François Seydoux gehört zu jenen Franzosen, denen die Beschäftigung mit Deutschland und den Deutschen einen Wesensstempel aufgedrückt hat", schrieb Josef Müller-Marein 1975, als das erste Buch des "Ambassadeur de France" (ein Ehrentitel im französischen diplomatischen Dienst, für den es zum heimlichen Bedauern mancher älteren Diplomaten bei uns nichts Vergleichbares gibt) unter dem Titel "Beiderseits des Rheins" erschien und das seiner ersten Mission in den Jahren von 1958 bis 1962 gewidmet war.

Als de Gaulle ihn 1965 zum zweitenmal an den Rhein schickte, wußte Seydoux, "daß der Zauber jener vier Jahre als Botschafter in Bonn auf die gleichzeitige Präsenz de Gaulles an der Spitze Frankreichs und Adenauers an der Spitze Deutschlands zurückzuführen war". Für die Freundschaft dieser beiden Männer, die beide gleichermaßen in der Gewißheit lebten, "daß der Lauf der Geschichte weitgehend von auserwählten Menschen bestimmt wird", in der diskreten Rolle des diplomatischen Dieners das Seine beigetragen zu haben, empfindet Seydoux als das große Glück seiner Laufbahn. Immer wieder erinnert er sich während der Jahre seiner zweiten Mission daran. Denn von wenigen Schönwetterperioden abgesehen, waren die deutsch-französischen Beziehungen zwischen 1965 und 1970 von Mißhelligkeiten geprägt: "Im Kanzleramt, im Auswärtigen Amt führte Amerika das große Wort", berichtet der Botschafter enttäuscht nach Paris. Der Mann, der seinen dunklen Schatten auf das historische Aussöhnungswerk wirft, ist Ludwig Erhards Außenminister Gerhard Schröder. Ihn, den Atlantiker, "von den Angelsachsen betört und angetrieben", wieder für Frankreich einzunehmen, "dies wäre für mich der größte und nutzbringendste Erfolg gewesen",

Daß er ihm nicht beschieden war, wurde zum heimlichen Kummer des Diplomaten. Nicht einmal seine guten persönlichen Beziehungen, in der institutionalisierten Welt von heute immer noch das sicherste Kapital eines erfolgreichen Botschafters, halfen da noch weiter: "Ich besaß die Unbescheidenheit zu glauben, daß meine Beziehungen zum Außenminister mir erlaubten, seine Härte zu durchbrechen. Sehr korrekt, gelegentlich sogar freundschaftlich, gab er mir indessen zu verstehen, daß die schönen Tage vorbei waren. Frankreichs Botschafter würde bei ihm nicht mehr wie früher ein- und ausgehen. Der Vertrag, den de Gaulle und Adenauer geschlossen hatten, gab mir kein Recht mehr auf die Sonderbehandlung, auf die ich nicht ohne Stolz. Anspruch erhob." Prestigebewußt, wie Diplomaten im Dienste ihres Landes sind, teilt er gleich darauf zufrieden mit: "Einstweilen genoß ich das Wohlwollen des Bundeskanzlers, der mich häufiger empfing, als die Usancen verlangten." Doch Ludwig Erhards Sympathiebeweise waren ein Trost, den zu wichtig zu nehmen, ihm seine Skepsis verbot.

Was Franzosen und Deutsche in jenen Jahren trennte, ärgerte und irritierte, wie das Schiff schließlich 1966, als de Gaulle sich entschloß, Frankreich aus der Nato zurückzuziehen, in allen Fugen krachte, und die gefeierten deutsch-französischen Beziehungen vereisten, ohne daß der Botschafter viel ändern oder retten konnte – da fehlt nichts, was zu den beruflichen Frustrationen eines Diplomatenlebens gehört.