In seinem als Schelmenroman konzipierten Buch "Jahrgang 22" (1977) hat August Kühn die Erlebnisse eines kleinen Mannes in schlechten Zeiten geschildert. Sein proletarischer "Held" Fritz Wachsmuth stolpert in die schlimmsten Verwicklungen und windet sich doch immer wieder heraus, weil er sich dümmer und dreister gibt, als die Oberen es sich vorstellen können. Er überlebt die Armut in den zwanziger Jahren, die Nazizeit, den Weltkrieg und macht nach dem Krieg eine kleine Karriere als Schieber und Schwarzmarkthändler.

In dem neuen Roman von

August Kühn: "Fritz Wachsmuths Wunder-August Verlag AutorenEdition, München 1978; 314 S., 29,80 DM

kann der Leser erfahren, wie es Fritz Wachsmuth seit dem Beginn der Währungsreform 1948 bis zum heutigen Tag ergangen ist.

Die Zeiten ändern sich, aber Fritz Wachsmuth ändert sich nicht mit ihnen. Er verweigert sich weiterhin allen persönlichen und gesellschaftlichen Anforderungen. Was in den dunklen faschistischen Zeiten als listige Widerstandshaltung interpretiert werden konnte – das Bestreben, sich auf nichts einzulassen – wird nun aber zum Ärgernis. Kuhn macht seinen Protagonisten dümmer und begriffsstutziger, als es die Gesetze der Logik und die auf ihn einwirkende Realität zulassen. Fritz Wachsmuth entwickelt sich einfach nicht weiter; würde der Autor nicht ab und zu eine Jahreszahl angeben – man glaubte, Fritz Wachsmuth verharre noch immer im Jahre 1948. Dieser Eindruck wird auch dadurch nicht korrigiert, daß Kühn seine im Gang der Erzählung immer konturenloser werdende Figur mit allen nur halbwegs wichtigen Themen und Ereignissen der letzten drei Jahrzehnte konfrontiert. Unermüdlich protokolliert Kühn, was ihm in der bundesrepublikanischen Geschichte bedeutsam erscheint und versucht einen historischen Prospekt zu entwerfen, vor den er dann seine Figur stellt. Aber Fritz Wachsmuth steht nur hölzern da, ihm fällt nichts ein, was auch – so scheint es – seinen Autor schließlich zum Verzweifeln bringt und den moralischen Zeigefinger heben läßt: "Er hatte noch immer nicht gelernt, politisch zu denken Dieser Mangel bedeutete jedoch nicht viel, hätte der Roman politische und literarische Qualitäten und könnte dem Leser Einsichten vermitteln, die dem sprach- und bewußtlosen Fritz Wachsmuth versagt bleiben.

Das aber ist nicht der Fall: Auch die klassenbewußten Arbeiter, die Kühn seiner Figur sporadisch zur Seite stellt, können in der Blässe ihrer Existenz und Gedanken weder Fritz noch den Leser überzeugen. Als hätte er dieses Problem bemerkt, versucht Kühn seine linke Überzeugung in kommentierenden Einschüben mitzuteilen. Er pfropft eine Tendenz auf, die durch das Erzählte selbst nicht beglaubigt wird.

Historisches Geschehen (oft in der dürren Sprache des Archivs nacherzählt) und individuelles Dasein des Fritz Wachsmuth, das immer wieder in kleinen, beliebig aneinandergereihten Episoden nachgewiesen werden soll, bleiben unverbunden. Eins durchdringt nicht das andere. August Kühn hastet atemlos durch die Jahrzente, er will Bewegung und Entwicklung zeigen, tatsächlich aber produziert er ein Gefühl des Stillstandes und des Immergleichen. Das könnte ja immerhin – gerade in bezug auf die fünfziger Jahre – ein Thema sein, wird aber von Kühn nicht zum kritischen Gegenstand seiner Erzählung gemacht.

Claus-Ulrich Bielefeld