Nächste Woche ist es wieder soweit: Aus Bonn fliegen Minister ein. Der Regierende Bürgermeister von Berlin hält Hof und Reden. Kaltes Büfett, heiße Rhythmen, lauwarme Loyalitätserklärungen für die Inselstadt machen aus Berlin (West), für ein paar Stunden, wieder die (kulturelle) Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Wenn der bizarre Bau eines seit Jahren toten Architekten, Hans Scharoun, endlich eingeweiht wird; wenn sich das Millionengemäuer "Staatsbibliothek" nennen darf: ist dies nicht eine Feierstunde?

Es ist, auch, eine Trauerstunde.

Aber steht denn nicht alles zum Besten? Zieht nicht einer der wenigen Intellektuellen, den CDU/CSU in ihren Reihen finden können, Richard von Weizsäcker, von Bonn nach Berlin, um am 18. März 1979 gegen Dietrich Stobbe zu kandidieren? Lenkt nicht das "Aspen-Institut", zumal dann, wenn (wie am letzten Wochenende) ein ehemaliger Außenminister der USA, Henry Kissinger, die Ost-West-Politik analysiert, den Blick auf Berlin? Hat nicht erst vor wenigen Tagen die seit Jahren geplante "Berlinische Galerie" ihre Pforten öffnen können? Ist es dem neuen Kultursenator, Dieter Sauberzweig, nicht gelunten, das "Theater des Westens" (mit Karl Vibach als Intendanten) endlich als Operettenbühne zu etablieren, notwendig für die deutsche Stadt mit den meisten alten Bürgern? Sind nicht die Berliner dabei, den Hamburgern das Forscherteam Karla Fohrbeck/Andreas Wiesand wegzuschnappen, das mit "Autoren-", "Künstler-", "Journalisten"-Report, jetzt mit der Untersuchung über Kulturpreise, zum erstenmal die geistige Landschaft der Bundesrepublik statistisch vermessen hat?

Wie schäbig wirken solche Erfolge neben Verlusten, die für das Berlin der Kultur tödlich zu werden beginnen:

  • Noch ehe sein Fünf-Jahres-Vertrag auch nur zur Hälfte abgelaufen ist, verläßt der Leiter der Berliner Filmfestspiele, Wolf Donner, seinen Posten.
  • Noch ehe sein (bis 1980 laufender) Vertrag erfüllt ist, kündigt der Leiter des von Zuhörern überrannten "Meta-Musik-Festivals", Walter Bachauer: 1974, 1976/1978 waren die von ihm veranstalteten Gastspiele afro-asiatischer Künstler Höhepunkte im Leben der Halb-Stadt.
  • Noch immer gibt es keinen "Chef-Dirigenten" für das Radio-Symphonie-Orchester (RSO), das unter Lorin Maazel zu den besten Ensembles zählte.
  • Mit Ach und Krach konnte für das am höchsten dotierte Haus des Musiktheaters in Deutschland, die "Deutsche Oper Berlin", ein Generalmusikdirektor verpflichtet werden, der wenig Erfahrung mit dem Repertoire-Betrieb hat: Jesus Lopez Cobos.
  • Selbst wenn es um eine Privat-Bühne wie das "Renaissance-Theater" geht, das einem Künstler wie Rudolf Noelte wegen der gewünschten Subvention von einer Million verweigert wurde, sieht die Sache anders aus, wenn ein "Manager" wie der "Generalintendant" des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters Rendsburg/Flensburg, Horst Mesalla, erklärt, er könne die Berliner Bühne "gegebenenfalls auch telephonisch leiten".

Berlin, wie tief bist du gesunken. Nur mit dem Pochen auf den Geldbeutel, wie’s unsere Gesellschaft liebt, ist es offenbar nicht mehr getan: Sonst strebten nicht so viele begabte Leute weg von Berlin. Der Exodus wird gefährlich. Nachdem sich die politische Zange um die Halbstadt gelockert hat, müßten die für Kunst und Kultur Westberlins Verantwortlichen, endlich, mehr wagen.

Anstatt Berlin mit wenigen, großen Ereignissen für Besucher aus Bundesrepublik oder Ausland attraktiv zu machen, wird eine Einheitssoße von "Kultur" über Berlin ausgekippt. "Festwochen" über’s ganze Jahr: Da kann man gleich wegbleiben. Für die Berliner mag das einen Reiz haben. Weshalb dann aber die Meldung, daß trotz niedriger Eintrittspreise die Theater weniger "ausgelastet" sind als in München oder Hamburg? Und schon wird, neben "Theatertreffen", "Sommerfestspielen", "Festwochen" ein neues Festival angekündigt. "Horizonte – Festival der Weltkulturen",

Berlin – ein internationaler Rummelplatz? Zuviel ist zu Wenig für eine politisch/kulturell gefährdete Stadt. Rolf Michaelis