Von Siegfried Gronert

In der fragmentarisch geschriebenen Geschichte des "Industrial Design" hangelte man sich bisher von der Darmstädter Künstlerkolonie über Peter Behrens, Werkbund und Bauhausüber ein großes Fragezeichen zur "Guten Form" der fünfziger Jahre. Eine Geschichte der industriellen Massenproduktion ohne ihre Produkte und ohne ihre Abnehmen Jetzt liegt eine Einführung in die Geschichte des "Industrial Design" vor, die diese zeitlichen und inhaltlichen Lücken schließen kann –

Gert Seile: "Die Geschichte des Design in Deutschland von 1870 bis heute – Entwicklung der industriellen Produktkultur"; Du-Mont-Dokumente, DuMont-Verlag, Köln 1978; 259 S., 28,– DM.

Konsequent beginnt Seile mit dem Aufkommen der "Maschinenkultur" um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Beispiel: Der mecklenburgische Maschinenbauer Ernst Alban baute 1840 eine Hochdruck-Dampfmaschine, deren "dorisch" verkleideter Zylinder sich zwischen dorischen Säulen bewegt, darüber eine Art "Gebälkzone" mit etwas aus der Ordnung geratenem, aber sonst stilechtem Triglyphen-Fries. Dieses Prachtstück erinnert stilistisch an die bürgerlichen Villen der Arbeitgeber dieses Jahrhunderts. Daß Seile diesen Hinweis unterläßt, hat Methode: Als ehemaliger Kunsterzieher stellt der heutige Professor für Bildende Kunst und Visuelle Kommunikation die stilistische Rezeptionsforschung in den Hintergrund der Betrachtung, um nicht mit sekundlicher Sicherheit an der "tatsächlichen Geschichte" vorbeizureden – ein berechtigter, polemischer Seitenhieb auf die Kunstgeschichte, die ausgewählte Design-Objekte im wissenschaftlichen und musealen Raum zu isolierten Plastiken werden läßt.

Seile entwickelt für seine Untersuchung eine Mischung aus Kommunikationstheorie und Materialismus: "Wer hat was wie produziert? – und: Wer hat was wie konsumiert?" Technologien, Produktions-, Konsum- und Rezeptionsverhältnisse werden herangezogen, um den "historirischen Gebrauchswert" der Produkte herausarbeiten zu können. Damit löst er die Geschichte des "Industrial Design" von den Objekten selbst und beschreibt sie durch die Bedingungen ihrer Existenz.

Konkurrenz-Kapitalismus, Massen-Konsum und Industrialisierung führten nicht nur zur Vereinnahmung des Jugendstils für die Massenproduktion, sondern allgemein zur Vereinnahmung und Funktionalisierung künstlerischer Arbeit durch die Gebrauchsgüterindustrie – symbolisch vollzogen durch den Allround-Künstler Peter Behrens, der 1907 als künstlerischer Berater zur AEG ging: der erste "Industrial Designer".

Die neue Produktsprache "Industrie-Jugendstil", der allerletzte Schrei in den Warenhäusern, wurde als die idealistische Berufsauffassung des "Industrial Designer" geboren; der Designer als Mittler zwischen Kunst und Technik, zwischen Produzent und Konsument, der Designer als Geschmackspädagoge. Die wirtschaftliche Seite dieser Argumentation: "Steigerung der Qualität der deutschen Industrie und damit zugleich die Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen Markt", so der Werkbund in seinem Programm von 1908. Ebenso widersprüchlich oder ambivalent oder wirtschaftspraktisch argumentierte in den fünfziger und sechziger Jahren die Bewegung um die "Gute Form": Design als kultureller Vert und Wirtschaftsfaktor.