Im November traten tausend VW-Angestellte von der IG Metall zur DAG über

Der Exodus begann Ende Oktober. Seitdem verlor die größte und mächtigste deutsche Gewerkschaft, die IG Metall, allein beim Volkswagenwerk mindestens tausend Mitglieder. So viele Angestellte des größten Autoproduzenten hierzulande gaben in den letzten Wochen ihr Metallgewerkschafts-Buch zurück – und traten gleichzeitig bei der kleinen Konkurrenz ein, der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Herbert Borner, DAG-Bezirksleiter in Braunschweig: "Der Übertritts-Boom bei VW ist nun wohl vorbei, aber auch jetzt kommen noch reihenweise IG Metaller zu uns."

DAG-Borner sieht jedoch nicht nur bei VW die Herde seiner Schäflein – derzeit etwa 3500 von insgesamt 14 560 Angestellten der Volkswagenwerk AG – erfreulich wachsen. Borner: "Auch in den Betrieben des Salzgitter-Konzerns gibt es schon Ansätze zu einer Übertrittswelle."

Über die Ursache der für die IG Metall ungewohnten Absetzbewegung sind sich Verlierer und Gewinner einig. Es geht um Geld. Wolfgang Leuendorf von der IG-Metall-Verwaltungsstelle Braunschweig: "Das hat nichts damit zu tun, daß die Leute etwa mit der Leistung der IG Metall unzufrieden wären, die Hauptrolle spielen die höheren Beiträge." Und Borner: "Bisher haben viele Mitglieder der IG Metall ihren Beitrag nach Gusto selbst festsetzen können, aber ab Januar geht das nicht mehr."

Denn im neuen Jahr will die mitgliederstärkste Gewerkschaft endlich das an Beiträgen kassieren, was ihr laut Satzung schon lange zusteht: ein Prozent vom Bruttoverdienst. Zwar gilt diese Marke für den IG-Metall-Obolus schon seit 1975, doch, so weiß Leuendorf, "die meisten haben bisher weniger gezahlt". –

Um nun auch tatsächlich an die satzungsgemäßen Beiträge zu kommen, hat die IG Metall mit dem Volkswagenwerk eine neue Vereinbarung geschlossen, die einen alten Vertrag ergänzt, der noch aus den Zeiten Heinrich Nordhorn stammt. Käfer-König Nordhoff hatte den Gewerkschaftsbossen damals einen Service zugesichert, der die lästige Eintreibung der Mitgliedsbeiträge erheblich vereinfachte: Nicht die Mitglieder überweisen Seitdem ihr Scherflein von ihrem Privatkonto, sondern die VW-Lohnbuchhaltung behält den Betrag gleich ein und transferiert die Summe an die IG Metall.

Doch wieviel oder wie wenig die VW-Buchhaltung für die IG Metall vom Lohn abzog, bestimmte bisher immer noch der VW-Beschäftigte selbst. Das wird nun ab Januar nächsten Jahres anders. Die neue Zusatzklausel zum alten Nordhoff-Vertrag besagt nämlich, daß bei der Lohn- und Gehaltsabrechnung für IG Metaller automatisch ein Prozent – und nicht weniger – für die Gewerkschaft einbehalten wird.