Gewiß, man muß den Moraltrompeter von Säckingen vergessen; man muß sich die Knattermimen und die gewerblichen Präraffaeliten aus dem Kopf schlagen, die seine Stücke ramponieren. Auch hat er, sofern man sich an Schadows Zeichnung "nach dem Leben" hält, nicht im entferntesten wie Horst Caspar ausgesehen. Diese, heute auf Steinsockeln in Groß- und Mittelstädtchen stehende Bronzefigur schrieb aber zu Lebzeiten ein paar Prosatexte, von denen man sagen kann, daß sie, mit bald riskanten, bald antizipatorischen Formeln, die isolierten Kategorien der Ästhetik mit Gebrauchsanweisungen versehen, mehr noch: die Ästhetik in ein Wechselspiel von Verstand und Empfindung überführt haben. Dabei steht Schiller durchaus nicht mustergültig da: vielmehr verwickelt er sich in Widersprüche und Fehlschlüsse, die er allerdings mit dem ihm eigenen Pathos und, vor allem, mit der ihm eigenen Neurasthenie kenntlich macht. Hier ergreift Schiller, der Citoyen, das Wort, dort Schiller, der Bourgeois.

Darauf hat schon Georg Lukács hingewiesen. Schiller, so heißt es, sei nicht derart denkkräftig gewesen wie Hegel und auch nicht so instinktsicher wie Goethe: die idealistische Schranke oder die idealistische Verknöcherung standen ihm im Weg. Sein an Kant geschulter, subjektiver Idealismus behielt stets einen kleinbürgerlichen Anstrich bei, jenen, so kann man hinzufügen, der ihm Ekelverse wie "Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau" diktiert hat. Aber umgekehrt macht Lukács geltend, daß es sich hier um ein rebellisches Kleinbürgertum handelt, das dem sich abzeichnenden Kapitalismus ebenso kritisch gegenüberstand wie der deutschen Fürstengewalt. Schiller hat sich, nervös und im Handwerk der literarischen Überrumpelung nicht unerfahren, in Zweifelsfällen an einen zwiespältigen, dabei sich selbst überschreitenden Kunstgriff gehalten.

Für ihn nämlich muß Kunst sich auch als Moral legitimieren, und das mit einer Streitbarkeit, die Gorkis Satz, die Ästhetik sei die Ethik von morgen, vorwegnimmt. Die Bühne beispielsweise setzt Wirkungen frei; ihre Ethik jedoch, ihren Sinn also als moralische Anstalt, bezieht sie aus dem, was Schiller ihre "Gerichtsbarkeit" nennt. Sie fängt an, "wo das Gebiet der weltlichen Gesetze endigt. Wenn die Gerechtigkeit für Gold verbündet und im Solde der Laster schweigt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und Waage und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl." Streckenweise trägt Schiller seinen Text über die Schaubühne mit einer Servilität vor, von der man nicht weiß, ob sie gespielt oder das kleinere Übel ist; zwischendurch aber richtet er sich, nunmehr ein Citoyen, wenn nicht gar ein Jakobiner, auf, um der Obrigkeit zu sagen, nur hier, auf der Bühne, "hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – die Wahrheit".

Die Frage, die sich damit stellt, muß natürlich lauten, was eine diesem Kunstbegriff entstammende Wahrheit bewirken kann. Lehrt sie das Volk Vernunft, zu der sie gleichzeitig die Großen bringt oder vollzieht sie sich lediglich als Kunstbegriff? Der Schiller dieser Schriften äußerte sich in einer Weise, die Wunschbild und Abbild, Botschaft und Rhetorik wechselseitig in Rechnung zieht. So behandelt der Aufsatz "Über Anmut und Würde" das Gegensatzpaar Vernunft und Sinnlichkeit, die "Freiheit der willkürlichen Bewegungen" und die "Beherrschungen der unwillkürlichen". Wenn sich Schiller aber auf die Seite der Anmut stellt, so darf man das nicht mit platter. Lebenshilfe verwechseln: es geht genaugenommen, um das, was Baudelaire später die Eurhytmie von Charakter und Fähigkeiten nannte. In den "Ästhetischen Briefen" kommt ein "Formtrieb" zur Sprache, der, antagonistisch, einem "Stofftrieb" gegenübersteht. Die starre Gegensätzlichkeit jedoch soll vom "Spieltrieb" überholt werden, der Freiheit bedeutet und Freisetzungen, darauf gerichtet, "die Zeit in der Zeit aufzuheben" und "Veränderung mit Identität zu vereinbaren".

Der berühmte Aufsatz über naive und sentimentalische Dichtung fängt ebenfalls, wie es der Titel zeigt, mit einem Kontrastpaar an, mit einem beweglichen allerdings. Der Text ist nicht zuletzt ein Verständigungspapier in Hinblick auf Schillers Verhältnis zu Goethe, der als der naive, das heißt: der unmittelbare Dichter schlechthin dastehen soll. Prototypischer noch treten die Griechen auf, die, wie später von Marx, Kindernaturen geheißen werden. Aber so wie Marx fragt, wo Jupiter angesichts des Blitzableiters bliebe, trifft Schiller die Unterscheidung, daß die Griechen natürlich empfunden haben, wir aber, vermittelter, das Natürliche empfinden.

Der vermeintlich naive Goethe steht also weniger naiv da, und somit kommt auch dem sentimentalischen Dichter eine eigene Rolle zu. Ist er nicht, mit seinen Widersprüchen und Extremen, das "geschicktere Subjekt?" Es stimmt schon, Schiller benutzt oft Begriffe ohne Trennschärfe, gleichsam als Metaphern, von denen viele heutzutage abgegriffen wirken. Liest man aber die Absicht aus der Bildersprache heraus, so kommt man darauf, daß sich Schiller der eigenen Gerichtsbarkeit stellt. Gegen Ende tritt, wie in einem Drama, der Realist auf, hier als einer zu verstehen, der sich ans So-Sein hält, und mit ihm sein Kontrahent, der Idealist. Während nun der Realist das Gemeine, ja das Niedrige im Denken und Handeln verzeiht und nur das Willkürliche und Exzentrische nicht, ist der Idealist ein geschworener Feind des Platten: mit dem Extravaganten und Ungeheuren wird er sich versöhnen. Das ist modern bis ins Zeitgenössische hinein. Die Spannung im Text rührt daher, daß eigentlich zwei Idealisten zur Debatte stehen, der Schwärmer und der Utopist, dem es an Realismus nicht zu fehlen braucht, sowie zwei Realisten, der auf der tätigen Seite und die Krämerseele. Ihr sagt Schiller: "Wenn der Realist in seinen politischen Tendenzen den Wohlstand bezweckt, gesetzt, daß es auch von der moralischen Selbständigkeit des Volks etwas kosten sollte, so wird der Idealist, selbst auf die Gefahr des Wohlstands; die Freiheit zu seinem Augenmerk machen." Es ist dies nicht der einzige Satz, der den Citoyen Schiller mitsamt seinem Kunstbegriff in die Gegenwart hebt.

Hans Platschek