Graue Mauern, graue Menschen, graue Gefühle: Seinen Bildern aus der herbstlichen, kalten Stadt Berlin-West hat Hans Noever jeden urbanen Chic ausgetrieben. Von der ersten Einstellung an, einem langen, komplizierten Travelling vorbei an kargen Mauern und gespenstisch illuminierten Wohnhöhlen, herrscht eine Atmosphäre der schäbigen Isolation, der unterdrückten Obsessionen, des freudlosen Verbrechens. Die Geschichte der "Frau gegenüber", eine Studie über Vereinsamung und Eifersucht, endet fast zwangsläufig mit einem Mord.

Man kann Noevers zweiten Spielfilm als ausgeklügelten Psycho-Thriller verstehen (ein alternder Kleinbürger stellt seiner jungen, hübschen Frau eine Falle, in der er selber untergeht), als Beschreibung eines klinischen Falles, einer pathologischen Eifersucht. Man kann ihn aber auch, wie einige französische Kritiker nach der erfolgreichen Premiere in Cannes, als Impression des geistigen Klimas in der Bundesrepublik sehen, als privaten Spiegel öffentlicher Verfolgungsangst und Hysterie. "Die Frau gegenüber" ist stark genug, um beide Interpretationen auszuhalten, auch wenn Noevers offensichtliche Schwächen (zumal die ihn modernistischen Effekten überladene Musik und das mitunter etwas schleppende Erzähltempo) die tückische Suggestionskraft dieser alltäglichen Horrorgeschichte etwas mindern.

Doch Walter Lassallys differenzierte Schwarz-Weiß-Photographie, die die Stadt in ein seltsames, bedrückendes Gefängnis verwandelt, prägt sich ebenso ein wie die Gesichter der beiden Hauptdarsteller: der mürrische, pedantische Wahn, mit dem der aus zwei Filmen von Andrzej Wajda bekannte polnische Schauspieler Franciscek Pieczka die Figur des jagdlüsternen Ehemannes ausstattet. Und die furchtsame, schließlich lebensgierige Naivität, die Petra Maria Grühn, nach einem kleineren Part in Schillings "Rheingold" in ihrer ersten umfangreichen Kino-Rolle, als "Frau gegenüber" ausstellt. Ein kleiner, böser, häßlicher, Film: so häßlich wie die Verhältnisse, die er darstellt. Das macht ihn beachtlich. Hans C. Blumenberg