Die Geschichte eines "Mischlings"

Von Richard Schmid

Das Buch, von dem ich zu berichten habe, ist in englischer Sprache geschrieben und in Amerika erschienen. Aber uns Deutsche geht es vor allem an:

Ilse Koehn: "Mischling, second Degree. – My Childhood in Nazi Germany", Verlag Greenwillow Books, New York, 240 Seiten, $ 7,95.

Der Titel, der gleich den zeitgeschichtlichen Kern der Sache trifft, bedarf wohl einer Erläuterung für Leser, die unser Drittes Reich nicht erlebt haben. Am 15. September 1935 sind die so sogenannten Nürnberger Gesetze ergangen, das "Reichsbürgergesetz" und das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ihre". In beiden wurden der nationalsozialistischen Regierung große Vollmachten zu weiteren Verordnungen im Sinne dieser Gesetze erteilt. In Paragraph 2 Absatz 2 der ersten Verordnung vom 14. November 1935 zum "Reichsbürgergesetz" heißt es: "Jüdischer Mischling ist, wer von einem oder zwei der Rasse nach volljüdischen Großelternteilen abstammt, sofern er nicht nach Paragraph 5 Absatz 2 als Jude gilt." Letzteres sollte der Fall sein, wenn der Mischling in einer voll- oder dreivierteljüdischen Familie lebte.

Der Mischling war zwar Staatsangehöriger, aber kein Reichsbürger, weil er nicht "deutschen oder artverwandten Blutes" war. Die Mischlinge mit zwei jüdischen Großelternteilen waren Mischlinge ersten Grades, die mit einem waren Mischlinge zweiten Grades. Die Verordnungen haben dann zwischen den Mischlingen des ersten und zweiten Grades gewisse Unterschiede gemacht. Beiden war nicht nur, wie den Juden selber, der "öffentliche Dienst" verschlossen; sie hatten, wie heute die Radikalen, die wichtige Rolle des inneren Feindes zu übernehmen. Auch der höhere Bildungsweg war ihnen verschlossen.

Unsere Autorin war ein solcher Mischling zweiten Grades. Die Mutter ihres Vaters war jüdischer Abstammung. Ilse Koehn ist im Jahre 1929 in Hermsdorf (Berlin-Nord) geboren; 1935 war sie also sechs Jahre alt. Ihr Vater, Mischling ersten Grades, war Elektro-Ingenieur bei den Berliner Elektrizitätswerken, Spezialist für Hochspannungsleitungen. Die Mutter war "vollarisches" Arbeiterkind, auch aus Berlin-Nord. Das Milieu, dem die Eltern sich zugehörig fühlten, war die Berliner Sozialdemokratie und ihre Kulturorganisationen. Ilse (Koehn ist ein pommerscher Name) war das einzige Kind. Ihr sollte die Ächtung erspart bleiben. Vor allem sollte der Weg zur Oberschule offen sein. Die Eltern trennten sich. Die Mutter wurde psychisch krank, Ilse war noch während ihrer Volksschulzeit bei ihrem Vater und dessen Mutter, der "Oma" des Buches. Danach kam sie zu den mütterlichen Großeltern. Der Vater setzte noch die Aufnahme in die Oberschule durch. Das Kind wußte weder, daß ihre Oma Jüdin war, noch, was das bedeutete. Sie berichtet, Vati habe immer gesagt, es sei am besten für sie, wenn sie "mit allen anderen zusammen" sei.