Von Sibylle Zeble

Hector hatte nichts Heldisches. Betont aufrecht saß er in der großen Limousine ganz dicht am Steuerrad, das er – wie ein Fahrschüler – fest in beiden Händen hielt; sein Kopf ragte kaum über das Armaturenbrett. Das Gesicht, dem eine goldgeränderte Brille die freundliche Würde eines Schalterbeamten verlieh, war sorgenvoll. Manchmal sagte er leise, fast klagend: "Cristo? – Oh, no!"

Wir dagegen waren wie berauscht am ersten Morgen im chilenischen Portillo, dem bekanntesten Wintersportzentrum Südamerikas, wie berauscht von der stillen Wucht des Andenmassivs. Hinauf zu den in der Ferne glitzernden Gletscherzungen wollten wir, über die steile Straße, zum Bermejo-Paß; hinauf bis an die Füße des "Cristo Redentor", des riesengroßen Bronzeheilands, der da in 4060 Meter Höhe seine Arme segnend über die Grenze zwischen Chile und Argentinien breitet.

Schon auf der Fahrt von Santiago nach Portillo hatten wir diesen Plan gefaßt und ihn Hector, dem Fahrer, den wir samt komfortablem Wagen einer dortigen Reiseagentur verdankten, in stolperndem Spanisch mitgeteilt. Er nahm diesen Wunsch, so schien uns, eher zerstreut als abwehrend entgegen, er murmelte etwas, das nach "viel Schnee" und "großen Problemen" klang, auch der Name "Argentina" fiel dann und wann.

Aber wir sahen ihn bedächtig eine Kurve nach der anderen nehmen, belächelten seine zögernden Überholversuche, seine Neigung, das Auto rechts an den Straßenrand zu drücken, wenn am Horizont ein Lastwagen zu ahnen war. Hectors Schneeklagen verstanden wir ebensowenig wie seine Argentinien-Schelte. Wir waren ganz sicher: Er würde uns mit pedantischer Vorsicht zum Heiland führen.

Vor dem gleißenden Morgenlicht versteckten wir unsere Augen hinter Sonnenbrillen, es war Ende November, Frühling in Chile. Den Himmel, klar und eisblau, suchten wir nach den Kondoren ab, die am Abend zuvor mit schweren Flügelschlägen von den rotgoldenen Zacken der Anden herabgetaucht und gelassen wieder aufgestiegen waren.

Plötzlich ein Schlagbaum, Militär. Zehn Soldaten um unser Auto. "Aussteigen!"