Als ich gerade die ersten Schritte in Richtung auf mein Auto zu getan habe, werde ich zurückgerufen. Ich muß eine Teelieferung bestaunen, die Mitglieder der Gewerkschaft ÖTV gerade zur Aufmunterung der streikenden Kollegen bei den Mannesmannröhren-Werken in Mülheim herangekarrt haben. Das sei, so versichert mir ein Vertrauensmann der IG Metall, kein Einzelfall. Beweise von Sympathie und Solidarität seien an der Tagesordnung. Sogar der dicht beim Werkstor wohnende Pastor habe schon zum Kaffee eingeladen.

Sympathisanten der IG Metall haben es allerdings zu Beginn dieser dritten Woche der heißen Phase des Arbeitskampfes in der Stahlindustrie nicht ganz leicht, streikenden Arbeitnehmern ihre Gefühle zu offenbaren. Seit die Arbeitgeber auf die Schwerpunktstreiks mit der Aussperrung nicht nur zusätzlicher Betriebe, sondern auch der streikenden Belegschaften geantwortet haben, hat die IG Metall ihre Streikposten zurückgezogen. Es gibt allenfalls noch "Beobachter."

So erinnern bei Thyssen-Niederrhein in Oberhausen nur die unübersehbar an den Werkseingängen angebrachten Spruchbänder daran, daß seit mehr als vierzehn Tagen ein Arbeitskampf tobt. Allerdings lassen die Transparente an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Der Dank an die lieben Arbeitnehmer – Aussperrung" heißt es da. Oder auch: "Wer aussperrt, gehört eingesperrt."

Die Aussperrung hat an der Ruhr viel böses Blut gemacht. Vor allem ältere Arbeitnehmer, die den Wiederaufbau nach dem Krieg mitgemacht haben, wollen es immer noch nicht begreifen, daß ihnen "ihre Hütte" den Stuhl vor die Tür gesetzt hat. Und bei Mannesmann, wo der Vorstand gerade wieder mit Befriedigung über eine weitere erfolgreiche Plazierung von Belegschaftsaktien berichtet hat, heißt es: "Die eigenen Aktionäre werden ausgesperrt."

Richtig gestreikt wird nur noch im Mülheimer Großrohrwerk von Mannesmann. Hier ist der Streik erst nach dem Aussperrungsbeschluß der Arbeitgeber ausgerufen worden. Und um auch hier mit der Aussperrung auf den Streik zu antworten, bedürfte es eines neuerlichen Beschlusses der Mitgliederversammlung des Arbeitgeberverbandes Eisen und Stahlindustrie.

Vor dem Werkstor steht ein Pulk von Menschen, daneben ein Wohnwagen. Die Stahlarbeiter sind offenbar auf eine längere Streikdauer eingestellt, das beinahe frühlingshafte Wetter – welcher Gegensatz zu der Eiseskälte bei Streikbeginn – macht das Leben der Streikposten erträglich.

Ein Vertrauensmann macht sich zum Sprecher der etwa zwanzig Kollegen und berichtet, warum die Stimmung so explosiv ist: In den letzten vier Jahren ist die Beschäftigtenzahl in diesem Werk von elf- auf neuntausend geschrumpft. Und ein Ende ist nicht in Sicht. "Zwei Drittel aller Leute", so ergänzt ein Kollege, "haben inzwischen den vierten oder fünften Arbeitsplatz. Wir sind dauernd innerhalb des Werks umgesetzt worden."