Von Gabriel Laub mit Zeichnungen von Johannes Hickel

Der erste Weihnachtsmann

Den Namen dieses guten Mannes, der vor etwa hundertfünfzig Jahren auf den Gedanken kam, sich als Weihnachtsmann zu verkleiden, werde ich nicht verraten, weil es eben sein Anliegen war, unerkannt zu bleiben.

Sein Name war übrigens zu seiner Zeit in aller Munde. Nein, nicht als Erfinder des Weihnachtsmannes wurde er bekannt, sondern als Kindermörder. Er brachte mehrere arme Kinder um, und die Polizei des ganzen Landes suchte nach ihm. Die Leute sprachen über ihn voller Entsetzen, niemand wußte aber, daß er ein Mensch von großer Herzensgüte war und Kinder über alles liebte. Deshalb hatte er sie auch getötet, weil er, obwohl er selbst aus einem wohlhabenden Hause war, nicht mitansehen konnte, wie schlecht es den Kindern der Armen ging, die oft hungern mußten und keine Aussicht auf Schule und ein besseres Leben hatten. Er wollte ihnen helfen, ins Paradies zu kommen, wo es ihnen als Engelchen besser gehen würde. Nach heutigen Begriffen war er ein Sozialrevolutionär und handelte konsequent nach seiner Theorie. Er selbst kannte jedoch solche Begriffe nicht und handelte rein gefühlsmäßig.

Wie gesagt, seine edlen Beweggründe waren niemandem bekannt und niemand hätte auch in jener rückständigen Zeit für sie Verständnis aufgebracht. Der Mann wurde verfolgt und mußte sich verstecken. Er ließ sich einen Bart wachsen, und der Bart wuchs weiß. Nicht, weil der Mann alt gewesen wäre, er war es nicht, sondern weil er sich große Sorgen machte um seine eigenen sechs Kinderlein, die nun allein mit ihrer Mutter und ohne Brot geblieben waren. Sie konnte er nicht ins Paradies schicken, weil jetzt alle Männer und Frauen, mit Äxten, Messern und Dreschflegeln bewaffnet, auf alle Kinder aufpaßten.

Der Bart veränderte ihn so, daß er Arbeit in einer Mine finden konnte. Dort arbeitete er fleißig, nährte sich jedoch nur von Brot und Wasser und sparte jeden Groschen für seine Kinder. Er wußte jedoch nicht, wie er ihnen das Ersparte überbringen sollte, ohne erkannt zu werden.

Da half wieder der Bart, der ihn dem heiligen Nikolaus ähnlich machte – er brachte ihn auf den Gedanken, sich als Gesandter des Himmels zu verkleiden. Am Heiligen Abend brachte er seine Geschenke und verschwand unerkannt in seinem Versteck. So tat er es bis ans Ende seines Lebens. Als seine Kinder schon groß waren und sich selbst und ihre alte Mutter ernähren konnten, beschenkte der gute erste Weihnachtsmann andere arme Kinder. Getötet hat er keine mehr, weil er bei seiner schweren Arbeit in der Mine keine Zeit dafür hatte, und er hat da auch seine Theorie, wie man das Los der Kinder schlagartig verbessern könne, vergessen.