Von Rolf Zundel

Franz Josef Strauß ist mit einem unvergleichlichen Gespür für leicht faßbare Politik gesegnet – oder sollte man besser sagen: geschlagen? Während die Union sich redlich und umständlich mit sogenannten Sachfragen abplagt, also Zum Beispiel sich müht, am Schnellen Brüter von Kalkar den langsamen Entscheidungsgang der Sozial-Liberalen zu demonstrieren oder bei der Koalition der Behandlung der Extremisten radikale Fahrlässigkeit nachzuweisen, findet der bayerische Ministerpräsident den direkten Weg zum Bürger. Er spricht an, was jedermann leicht verstehen und was infolgedessen auch jeder Journalist ohne Anstrengung vermitteln kann: Helmut Kohl ist für ihn nur zweite Wahl.

Es ist immer wieder dasselbe Schauspiel: Erst wird, absichtlich oder aus Versehen, ein kleiner Böller ins Publikum geworfen: Biedenkopf gehöre "zu dem Kreis der Persönlichkeiten, aus dem der eine oder andere für die Kanzlerkandidatur das Zeug hat". Dann wird treuherzig versichert, alle Vermutungen, hier habe es sich um eine Feindseligkeit gehandelt, seien grundlos, wenn nicht gar beleidigend. Zugleich aber kracht es noch etwas lauter: Auf Nachfrage, ob zu den "füpf bis sechs" illustren Persönlichkeiten der Union – Stoltenberg und Dregger wurden inzwischen neben Biedenkopf genannt – denn nicht auch der noch amtierende Kanzlerkandidat Kohl gehöre, räumt Strauß das genußvoll ein: Gewiß, der auch.

Seine Helfer feuerwerkeln derweil anderswo ein wenig in Geschäftsführung ohne Auftrag; schließlich muß man sich ja notfalls distanzieren können. CSU-Landesgruppenchef Zimmermann verkündet, daß er Strauß nach einem Wahlsieg 1980 in Bonn erwarte, und CSU-Generalsekretär Stoiber, der gerade von einem ausgedehnten, harmonischen Treffen mit seinem CDU-Kollegen Geißler nach München zurückgekehrt ist, rügt schneidend den angeblichen Europawahl-Slogan der CDU "Glück für die Menschen"; er sei "verheerend, abwegig und falsch".

Daraufhin läßt Kohl, der bisher die CSU-Knallfrösche mit jener gequälten Gelassenheit betrachtet hat, die früher englische Schloßherren beim Besuch amerikanischer Touristen auszeichnete, seine Zurückhaltung fahren und donnert los: öffentliche Personaldiskussion dieser Art nütze nur dem Gegner, die CDU sei nicht bereit, auf Dauer "eine Demontage ihrer Führung hinzunehmen". Kurzum: das Grundmuster der CDU/CSU-Inszenierungen ist von jener, großartigen Einfachheit, die dauerhaften Erfolg beim Publikum garantiert.

Als mildernden Umstand mag man Strauß zugute halten, daß er zum Thema Kanzlerkandidatur die harmloseste Bemerkung der Welt machen könnte; sie würde ihm gewiß als profunde Heimtücke angerechnet. Aber ganz harmlos war seine Bemerkung diesmal nicht – auch nicht für Biedenkopf, den seine Gegner in Nordrhein-Westfalen ohnehin verdächtigen, eigentlich strebe er in Bonn nach Höherem.

Womit sich denn unabweisbar der Gedanke einstellt, Strauß habe da mindestens zwei (von den fünf bis sechs) Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen: den gegenwärtigen Kanzlerkandidaten und einen künftigen Bewerber. Der Bayer hat allmählich fast den Rang von Herbert Wehner erreicht: Was immer er äußert – eine finster-geniale Strategie ist das wenigste, was dahinter vermutet werden darf.