Von Beate Lindemann

New, York, im Dezember

Im Herbst 1978 stand die Bundesrepublik mehr denn je im Rampenlicht der Vereinten Nationen. Botschafter Rüdiger von Wechmar war eine beherrschende Figur am East River – ob im Sicherheitsrat, in der Vollversammlung oder ihren Hauptausschüssen, ob als Vertreter Bonns, als Sprecher der neun EG-Staaten oder schließlich im Dezember als Präsident des Sicherheitsrats. Wäre in diesem Jahr der "Mann der Vereinten Nationen" zu bestimmen, äußerte kürzlich ein ausländischer Diplomat, so fiele die Wahl auf den deutschen Botschafter. Es ist Bonn in den fünf Jahren seiner UN-Mitgliedschaft gelangen, sich den Ruf eines verantwortungsbewußten Mitglieds der Völkerversammlung zu schaffen.

Solch raschen Aufstieg zu Ruhm und Ansehen in den Vereinten Nationen hatte in Bonn kaum jemand erhofft, geschweige denn erwarten können. Manche verspürten ungute Gefühle, wenn sie daran dachten, daß der Bonner Vertreter bald im Sicherheitsrat sitzen könne. Als Neuling am East River sollten sich die Deutschen angesichts ihrer Vergangenheit lieber nicht in den Vordergrund drängeln, sondern am besten unauffällig in der zweiten Reihe mit der großen Mehrheit der Staaten marschieren. Welches Interesse könnten wir schön daran haben, im Sicherheitsrat dauernd Farbe zu bekennen – in ohnehin mungen, die für unsere Außenpolitik ohnehin bedeutungslos sind? Warum sich auf diese Weise unnötig neue Feinde zu schaffen?

Ein aktiver Beitrag

Die skeptischen Stimmen haben die Bundesregierung nach dem UN-Beitritt am 18. September 1973 nicht davon abgehalten, der deutschen Rolle in den Vereinten Nationen das Gewicht zu geben, das der Stellung der Bundesrepublik in der Welt angepaßt ist. Dies war in der Tat gut so. Mit einer Politik der unscharfen Konturen wäre weder Bonn noch der seit Jahren durch die Nord-Süd-Auseinandersetzung gelähmten UN gedient gewesen. Von einem neuen Mitglied mit dem wirtschaftlichen und politischen Kaliber der Bundesrepublik erwartete die Mehrheit aus der Dritten Welt einen aktiven Beitrag. Die Rolle eines passiven Hinterbänklers stand der Bundesrepublik nicht zu. Enthaltsamkeit wäre da peinlich gewesen.

Bundeskanzler Schmidts Formel, daß die Rolle des "wirtschaftlichen Riesen" unvereinbar sei mit der des "politischen Zwergs", fand Eingang in die deutsche UN-Politik. Am 3. Oktober 1973 erklärte Außenminister Hans-Dietrich Genscher vor dem Bundestag! "Wir werden gezwungen, die Introvertiertheit unserer früheren Außenpolitik endgültig zu verlassen und uns als Teil des universellen Ganzen zu begreifen, das seine eigenen Probleme in den Zusammenhang minder wirklichen Welt bringen muß." Dieses Ziel strebte Genscher in enger Zusammenarbeit mit den acht EG-Partnern an. Das Thema "Verhalten in den Vereinten Nationen, Entwicklung einer Strategie in den Vereinten Nationen zur Verdeutlichung, unserer Positionen" wollte er im Rahmen der Europäischen Politischen Zusammenarbeit bevorzugt behandelt sehen. Zweifellos erhielt die westeuropäische Kooperation in New York wichtige Impulse durch das aktive Mitwirken der Bundesrepublik.