Saarbrücken

Dagmar hatte Glück. Die 20jährige Münchnerin will Sprachen studieren und fand einen Studienplatz – in Saarbrücken. An der Universität des Saarlandes besteht nämlich kein Numerus clausus für die Fachrichtung Dolmetschen und Übersetzen, im Gegensatz zu den beiden anderen Ausbildungsstätten in der Bundesrepublik, Mainz-Germersheim und Heidelberg. Das Glück hatte freilich eine Kehrseite: Dagmar teilte es mit weiteren 520 angehenden Studenten, die sehr schnell merkten: Das kann nur eine Katastrophe werden. Denn für sie alle gibt es in Saarbrücken nur 150 Plätze, mit allerbestem Willen 250.

"Sechzig packte gleich der große Frust", faßt es Christine, Fachschaftssprecherin, auf der zweiten Vollversammlung zusammen, auf der die Misere zur Sprache kommt. Nur sechzig. Das heißt, – 460 bleiben, fest entschlossen, Sprachen zu studieren. Daß es böse enden wird, befürchten inzwischen nicht nur Pessimisten: Bei diesem Andrang kann eine qualifizierte Ausbildung nicht gewährleistet sein. Und an die späteren Berufschancen wagt vorerst niemand zu denken, denn schön jetzt kommen die Absolventen des vor allem bei jungen Damen beliebten Studiums nur mit "gut" bis "sehr gut" unter – und noch lange nicht alle.

In Saarbrücken zerbricht man sich nun den Kopf darüber, wie man 460 Lernwillige auf 65 Sprachlaborplätze verteilt, selbst wenn diese, wie im Uni-Notprogramm vorgesehen, zehn Stunden lang in Betrieb sind. Und darüber, wie man sich zu 460 Leuten plus ältere Semester die 40 Plätze der Institutsbibliothek teilen soll. "Platzkarten", wie sie das Notprogramm vorsieht, rote, blaue und grüne, sind da auch nur eine schlechte Lösung. Denn nach jeweils drei Stunden muß das Feld geräumt werden, gleichgültig, bei welchem Stand der Arbeit. Der Bestand der Bibliothek ist im übrigen hoffnungslos veraltet, woran auch eine 6000-Mark-Spende der Vereinigung der Freunde der Universität und in Aussicht gestellte 10 000 Mark des Kultusministeriums nicht allzuviel ändern können.

Die Plätze reichen nicht, die Säle sind überfüllt, die Übungen als Massenbetrieb fragwürdig. Die Lehrkräfte, jetzt schon überlastet, plagen sich redlich. Neben dem Rat an die Studenten, sich Informationen zu besorgen, und sei es durch fremdsprachige Radiosendungen, stellen sie ihnen auch privat bespielte Kassetten zur Verfügung.

Wie es zu dem Chaos kam, ist nicht mehr ganz nachvollziehbar. In Saarbrücken fühlt man sich schuldlos. Das Kultusministerium verweist auf eine Absprache vom Frühjahr dieses Jahres mit den Kultusministerien von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, an allen drei Instituten keine Zulassungsbeschränkungen zu erlassen. Doch dann wurde bei den beiden anderen doch der Numerus clausus eingeführt, ohne Wissen des saarländischen Kultusministeriums. Die Folge: Siehe oben! Alle, alle kamen.

Wo sie nun mit ihrem Studium bleiben sollen, diese Frage plagt sie alle. BAFöG, zum Beispiel, gibt es höchstens acht Semester lang. Doch unter diesen Bedingungen braucht jeder länger. Und dann droht auch noch das neue saarländische Universitätsgesetz mit Regelstudienzeit und Exmatrikulation. Die Studenten demonstrieren nicht: Sie informieren, an Ständen, in Pressemitteilungen, verfassen Resolutionen.

Erste Hilfe als Abhilfe allzu hoffnungsloser Zustände hat das Kultusministerium in Aussicht, gestellt: 55 000 Mark zur Finanzierung von 95 zusätzlichen Wochenstunden für Lehraufträge. Doch woher so schnell die Lehrer kommen sollen, ist auch noch nicht ganz klar. Denn gesucht werden Lehrkräfte, die aus Idealismus unterrichten, vielleicht aus Prestigegründen, denn die Bezahlung (netto weniger als 20 Mark pro Stunde) lockt nicht. Christel Szymanski