• Herr Loderer, eine von der ZEIT in Auftrag gegebene Umfrage hat gezeigt, daß der Mehrheit der Bevölkerung sechs Wochen Urlaub lieber sind als der Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Steht da die IG Metall mit ihrer Forderung in der Stahlindustrie nicht ein wenig im Abseits?

Loderer: Mit Umfragen und Demoskopie war ich immer sehr vorsichtig. Ich will damit keine Grundsatzkritik an diesen Methoden anmelden, aber ich habe doch so meine Zweifel.

  • Aber das Ergebnis – 60 Prozent sind für mehr Urlaub, nur 30 Prozent für kürzere Wochenarbeitszeit – ist doch so eindeutig, daß man daran eigentlich nicht zweifeln kann.

Loderer: Der Einstieg in die 35-Stunden-Woche ist eine stahltypische Sache. Da müßte man also die Stahlarbeiter fragen. In der Stahlindustrie haben wir eine erhebliche Arbeitsplatzvernichtung, die wir durch die Verkürzung der Wochenarbeitszeit wenigstens bremsen, am liebsten sogar stoppen wollen. Es geht darum, durch eine Reduzierung der Arbeitszeit die verbleibende Arbeit besser zu verteilen. Im übrigen gilt es aber auch, die Arbeit in der Stahlindustrie wieder attraktiver zu machen.

  • Da läge es Ihrer Meinung nach auch im Interesse der Arbeitgeber, die Wochenarbeitszeit zu verkürzen?

Loderer: Die Stahlarbeitgeber wissen, wie gefährlich, die Belegschaftssituation werden kann, wenn nicht bald etwas geschieht, was die Arbeitsplätze attraktiver macht. Schließlich ist das Durchschnittsalter der Belegschaft mit 47 Jahren erschreckend hoch. Eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit wäre im übrigen eine stahltypische Lösung, die kein Einstieg für andere Branchen sein müßte. Das heißt allerdings nicht, daß für uns die 40-Stunden-Woche außerhalb der Stahlindustrie als für alle Zeiten festgeschrieben gilt.

  • Muß denn in der Stahlindustrie der Einstieg in die 35-Stunden-Woche für alle Arbeitnehmer stattfinden, oder wäre eine Lösung denkbar, die diese Arbeitszeitverkürzung auf die Schichtarbeiter beschränkt?