Es kommt nicht darauf an, wo man auf der Reise ins späte Mittelalter Station macht, wo man aus der Gegenwart aufs 14. Jahrhundert umsteigt, vor welchem Objekt, in welchem der ost- und west- und mitteleuropäischen Länder, in welcher Stadt. Man kann in Straßburg beginnen, der kommenden Hauptstadt Europas, das zur Parler-Zeit noch eine Einheit war, beim Straßburger Gockel, diesem technischen Wunderwerk, einer automatischen Uhr, 1354 im Straßburger Münster angebracht: ein Hahn, der krähen und die Flügel schlagen konnte und den Wechsel der Stunde verkündete. Eine Plastik mit kinetischen und akustischen Qualitäten, aus Holz, Schmiedeeisen und Kupfer, eine Tierplastik von exzeptionellem Rang, Beispiel für den spätgotischen Naturalismus, wenn man den herrlich ausgearbeiteten Hahnenkamm und die locker gespreizten Schwanzfedern sieht, die zugleich mit ihrer natürlichen Beschaffenheit auch die geheime Lust oder den Zwang zu formaler Stilisierung erkennen lassen. Der Kamm assoziiert die Idee gleichförmig züngelnder Flammen, er erscheint als Feuerrad.

Im Preisgedicht des Nicodemus Frischlin wird der Straßburger Unterbahn "Aurorae volucris praununcia" genannt, der Morgenröte geflügelter Vorbote. Vorbote, wie man in dem glänzenden Katalogbeitrag von Reiner Dieckhoff nachlesen und in der von ihm eingerichteten Abteilung "antiqui-moderni" an zahlreichen Objekten optisch nachvollziehen kann, Vorbote der Neuzeit, der vita moderna, die mit dem Straßburger Hahn kräftig die Flügel regt.

Die Straßburger Räderuhr ist eine der ältesten mechanischen Uhren und die einzige, die sich aus dem 14. Jahrhundert erhalten hat. Der mechanische, der maschinell angetriebene Hahn übernimmt die Funktion, die der natürliche, der krähende Hahn seit der Antike, erfüllt hatte – er wurde als Wecker auf Kriegszüge mitgenommen, damit die Soldaten den Tag und den Kampf nicht verschliefen.

Die mechanische Uhr ist wahrscheinlich in Klöstern erfunden worden, wo Pünktlichkeit der nächtlichen Gebete wichtiger war als im tätigen Leben, weil die nächtlichen Gebetsstunden aus religiösen Gründen eingehalten werden mußten. Sie gilt als die aufregendste und folgenreichste Erfindung des gesamten Mittelalters, weil sie das Leben, das alltägliche Dasein auf eine rationale Basis stellt. Die mittelalterliche Zeit ist eine metaphysische Kategorie, die Präambel der Ewigkeit. Tief eingewurzelt ist die Überzeugung, daß die Zeit nicht für jedermann gleich, daß sie qualitativ verschieden sei. Sie ist dem persönlichen Erleben des Menschen anheimgegeben, von seinem Tun oder Nichttun abhängig, von ihm jeweils anders erfahrbar. Die Stunden der Nacht sind kürzer als die des Tages, und der Tag wiederum ist je nach Gegend und Jahreszeit von unterschiedlicher Länge. Es gibt eine "Nürnberger Zeit", die man an der Nürnberger Turmwächteruhr ablesen kann. Ihr Ziffernblatt ist in sechzehn Stunden eingeteilt, entsprechend der Länge eines Nürnberger Sommertags – die Stunden der Nacht sind Schlafenszeit, man kann sie vergessen.

Mit der mechanischen Uhr, die den Ablauf der vierundzwanzig immer gleichen Stunden sichtbar und durch Hahnenschrei oder Kirchenglocken hörbar macht, wird Zeit meßbar, eine objektive, eine physikalische Größe. Insofern signalisiert der Straßburger Münsterhahn eben die Zeitwende, die sich um die Mitte des 14. Jahrhunderts vollzieht oder wenigstens doch vorbereitet. Das geschlossene scholastische Weltbild des hohen Mittelalters wird in Frage gestellt durch ein modernes Bewußtsein, das sich an der Natur, an der Wissenschaft zu orientieren sucht und dabei in eine Phase der Verunsicherung und Unentschiedenheit gerät, mit all den Symptomen, die geistesgeschichtlich eine Krise charakterisieren.

Hier genau liegt der Ansatz- und Ausgangspunkt der Kölner Parler-Ausstellung, die das Schnütgen-Museum und sein Direktor Anton Legner nach sechsjähriger Vorarbeit in der Kölner Kunsthalle präsentieren. Daß es sich um die schönste und qualitätsvollste Darbietung europäischer Kunst zwischen 1350 und 1400 handelt, die es in Deutschland bisher. gegeben hat, ist nicht zu bestreiten – ein hocherfreulicher, aber doch nur beiläufiger Aspekt. Daß hier jedoch endlich einmal nicht das heile, das harmonische, das nichts als schöne Epochenbild tradiert wird, daß die Zeit in ihrer Krisenhaftigkeit, in ihren Widersprüchen und Konflikten zur Anschauung kommt, gibt dem Kölner Unternehmen den Rang des Außerordentlichen.