Von Manfred Sack

Hat es denn Zweck? Hans Scharouns Frage von 1963, ob er mit seinem Büro am Architektenwettbewerb um die neue Berliner Staatsbibliothek teilnehmen solle, war verständlich für einen Baumeister, der mit Jurys und mit staatlichen Bauherren zeit seines Lebens eigenartige Erfahrungen gemacht hatte und manchmal rüde übers Ohr gehauen worden war. Noch die Berliner Philharmonie war – nur dank einem Ersatzmann, der einen krank gewordenen Preisrichter vertrat – mit eben einer Stimme Mehrheit akzeptiert worden. Diesmal bekannte sich die Jury einstimmig zu seinem Entwurf. Dabei geschah etwas, das die formelhaft erstarrte Sprache gewöhnlicher Urteilssprüche fast niemals duldet: Begeisterung. Es fiel das Wort meisterhaft. An diesem Freitag wird nun das Bauwerk nach einer zwölf Jahre währenden, durch Konjunkturspritzen ruckweise und mit absurder Logik bewegte oder lahmgelegte, nicht erst nach Scharouns Tod 1972 unerquickliche, oft gestörte Bauzeit eröffnet, mit Bundespräsident, Bundesinnenminister, Regierendem Bürgermeister von Berlin.

Die Staatsbibliothek ist nach Scharouns Philharmonie und der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe der dritte Baustein, der mit der alten Matthäuskirche im Rund das Kulturforum am Kemperplatz bilden wird. Es liegt in der südöstlichen Ecke des Tiergartens, nicht weit weg von der Ostberliner Mauer.

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Scharouns Bauwerk, das mit seinem goldumkleideten Bücherbuckel bislang eher skeptisches Interesse hervorgerufen hat, setzt nach dreißigjähriger Unterbrechung eine vor dreihundert Jahren vom Großen Kurfürsten begonnene Tradition fort. Friedrich II. ließ dann nach einem Entwurf Fischer von Erlachs ein eigenes Bücherhaus bauen, die "Kommode" am (Ost-)Berliner Forum. Ihr gegenüber entstand 1914 der mächtige Komplex der Preußischen Staatsbibliothek Unter den Linden. Etwa die Hälfte ihres Bestandes, 1,7 Millionen’ Bände, wurden im Zweiten Weltkrieg nach Westdeutschland ausgelagert und dort später von der 1957 gegründeten Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwaltet. Sie bildet nun den Grundstock der neuen "Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz".

Daß sie in Berlin plaziert wurde, war von Anfang an klar. Daß dabei lange die Hoffnung auf Wiedervereinigung gehegt wurde, beweist der Standort: Die hier vom Staat in das etwas abseits gelegene Tiergarten-Nest gelegten "goldenen Eier" wie der einmal als Gutachter bemühte holländische Architekt Frank van Klingeren gespottet hat – sollten als städtebauliches Bindeglied zwischen der historischen kulturellen Mitte Berlins hinter dem Brandenburger Tor in Ostberlin einerseits und der neuen Westberliner City um Gedächtniskirche, Zoo und Kurfürstendamm andererseits fungieren. Es sollte auch helfen, dieses Sektoren-Randgebiet an der Mauer vor der Verödung zu bewahren. So gibt es mannigfache Entsprechungen zwischen dem alten Forum Unter den Linden und dem neuen am Kemperplatz – und So waren von vornherein die städtebaulichen Ansprüche groß.

Wie hoch es Scharoun angerechnet wurde, daß er bei seinen Gebäude-Entwürfen geschickter als seine neun ausgewählten. Konkurrenten darauf einging, drückt gleich der erste Satz des Juryspruchs aus: "Die städtebauliche Konzeption dieses Entwurfs ist meisterhaft." Wenn man alle Zweifel am Sinn solcher Konzentrierung kultureller Institutionen an einer Stelle der Großstadt außer acht läßt, muß man das Urteil gutheißen: Die Konzeption ist phantasievoll, beziehungsreich, sie gliedert das Terrain und seine architektonischen Pretiosen und eröffnet mannigfache Perspektiven für einen hoffentlich nicht zu hoheitsvoll betriebenen Kulturmarkt.