Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Dezember

Die Evakuierung westlicher Familien aus Teheran schildert die sowjetische Nachrichtenagentur Tass wie den Abzug der Amerikaner aus Vietnam. "Panik hat nicht nur die Amerikaner ergriffen. Engländer, Geschäftsleute aus der BRD und aus anderen westlichen Ländern und die reichen Einheimischen fliehen aus dem Iran." Das pikante an diesen Frontberichten ist, daß sie aus New York datiert sind und sich auf amerikanische Nachrichtenagenturen berufen – als gäbe es keine sowjetischen Korrespondenten in Teheran. Das Bemühen des Kreml, die Tür zum Pfauenthron nicht endgültig ins Schloß zu werfen, geht soweit, daß nur aus Zitaten der westlichen Agenturen über die Forderungen der iranischen Demonstranten nach "Liquidierung des monarchistischen Regimes" berichtet wird.

Noch zum Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November hielt Sowjetbotschafter Winogradow – was es noch nie zuvor gegeben hatte – eine Fernsehansprache und lobte die Beziehungen zwischen den Regierungen in Moskau und Teheran. Auch die Schlagzeilen der sowjetischen Presse sind nur auf dem Schleichweg an das Chaos im Iran herangeführt worden.

Zum erstenmal aber verlasen die Rundfunksprecher am Wochenende die Nachrichten über die Massendemonstrationen mit jenem feierlichen Pathos, das sonst für Meldungen über Arbeiteraufmärsche im Westen reserviert ist. Unter den Demonstranten sieht Moskau nun nicht mehr "reaktionäre" Kräfte, sondern in bezeichnender Reihenfolge: "Arbeiter aus fast allen Betrieben, Studenten, religiöse Aktivisten, Tausende von Frauen". Der Schah bleibt zwar weiter ausgenommen von konkreter und direkter Kritik. Doch seinem Gegenspieler Chomeiny haben die sowjetischen Medien in dieser Woche zum erstenmal offiziöse Autorität verliehen. Aus einem kuwaitischen Interview zitierten sie interessanterweise seine abwiegelnde Antwort auf die Frage nach westlichen Interventionsplänen: "Ich denke nicht, daß der Westen einen solchen Schritt Unternehmen wird." Setzt der Kreml also, trotz aller taktischen Vorsicht, hoffnungsvoll auf ein reaktionäres Moslem-Regime, dessen mittelalterliche Herrschaft den Iran in den Verfall oder in eine Volksdemokratie treiben könnte?

Selbstverständlich liegt es in Moskaus Interesse, die Rolle Amerikas im Iran und am Persischen Golf zu schwächen. Doch ist die Aussicht darauf viel zu vage, ist das Festungsdenken des Kremls viel zu sehr auf Grenzsicherung gerichtet, als daß Moskau einen potentiellen Brandherd vor den eigenen Mauern schüren würde. Zwar hat der Schah nie verhehlt, daß seine Aufrüstung das Ziel habe, den sowjetischen Einfluß am Persischen Golf einzudämmen. Moskau hat darüber bei allen iranischen Besuchern stets Beschwerde geführt. Und dennoch hat das Schahregime an Moskaus Südgrenze seit Jahren Breschnjews Wunschformel von der Stabilität und Kontinuität garantiert.

Nicht nur der Westen, auch die Sowjets haben viel in die Stabilität des Iran investiert. Sie haben Techniker ausgebildet, Krankenhäuser hochgezogen, die Stahlproduktion entwickelt, einen Teil der großen Pipeline für das Erdgas-Dreiecksgeschäft Iran-Sowjetunion-Westeuropa gebaut. Die Lieferverpflichtungen gegenüber Europa, die Sicherung der eigenen, schon 1985 knappen Energie- und Rohstoffversorgung sind für Moskau kein Pappenstiel – und die Gas- und Ölleitungen, kein Spielzeug. An ihrer Blockierung oder gar Bombardierung bei einer bürgerkriegsähnlichen Entwicklung ist auch dem Kreml kaum gelegen.