Wenn irgend jemand ein Mittel erfinden würde, um die eine oder andere Idee – beispielsweise die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche – im Gedächtnis der Menschen zu löschen, so würde er vermutlich in Eugen Loderer und einigen seiner Kollegen an der Spitze der IG Metall dankbare Abnehmer dafür finden. Denn die Forderung nach kürzerer. Wochenarbeitszeit ist – außer vielleicht bei den inzwischen darauf eingeschworenen Stahlarbeitern – nicht sonderlich populär.

Daß die IG Metall überdies auch in Argumentationsnöten ist, zeigt die widersprüchliche Begründung Loderers für diese "stahltypische Sache"; Einerseits stellt er den Einstieg in die 35-Stunden-Woche als Mittel dar, um die Vernichtung von Arbeitsplätzen zu bremsen oder gar zu stoppen, indem die vorhandene Arbeit besser verteilt wird. Andererseits empfiehlt der Metaller-Boß die kürzere Arbeitszeit als Möglichkeit, die Arbeitsplätze in der Stahlindustrie attraktiver zu machen, da sonst bald Mitarbeiter fehlen (Seite 19).

Da wird sich die IG Metall nun bald entscheiden müssen, welche Gefahr eigentlich besteht: Mangel, an Arbeitsplätzen oder Mangel an Arbeitskräften?

Das ärgerlichste an der Stahl-Posse ist, daß sich inzwischen auch andere entschlossen haben, in diesem Fahrwasser mitzuschwimmen. Flinke Sozialdemokraten haben den Europa-Parteitag in Köln genutzt, um die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche an ihre Fahnen zu heften. Der oberste Lobbyist des öffentlichen Dienstes, ÖTV-Chef Kluncker, hat vorsorglich angekündigt, daß auch die bekanntlich so arg gestreßten Staatsdiener demnächst nach noch Weniger Arbeitsstunden rufen werden.

ärgerlich ist dies vor allem aus drei Gründen. Einmal ist es sehr gefährlich, kurzfristige konjunkturelle Schwierigkeiten mit Hilfe von Maßnahmen zu bekämpfen, die sich später nicht mehr rückgängig machen lassen. Zweitens beschwört eine Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich infolge der damit verbundenen Kostensteigerung auf kurze Sicht eher eine Zunahme der Arbeitslosigkeit – das Kieler Institutfür Weltwirtschaft hat daher jetzt wieder eindringlich davor gewarnt, diesen Holzweg zu betreten. Drittens wird die Möglichkeit vertan, die Produktivitätsfortschritte langfristig nicht nur in höhere Einkommen, sondern auch in mehr Lebensqualität zu verwandeln, wenn sie jetzt in kleiner Münze verteilt werden.

Was bedeutet es schließlich, ein oder zwei Stunden pro Woche weniger zu arbeiten, nachdem die vierzig. Stunden pro Woche erreicht worden sind? Wer hat davon wirklich einen Gewinn an Lebensqualität? Weit sinnvoller – und wie sich gezeigt hat, von den Arbeitnehmern auch bevorzugt – wäre eine Verlängerung des Urlaubs. Reizvoll wäre für viele Berufstätige auch ein bezahltes "Frei- Jahr" in der Mitte des Lebens. Gezielte Arbeitszeitverkürzung für ältere Arbeitnehmer, für Mütter (oder Väter) beziehungsweise für besonders schwer belastete Berufsgruppen wären ebenfalls einem stundenweisen Verkleckern vorzuziehen.

Alle diese Chancen werden aber vergeben, wenn jetzt auf Biegen oder Brechen ein genereller Einstieg in die 35-Stunden-Woche durchgesetzt wird. Die Spitzenleute der IG Metall haben dies längst eingesehen, wie die Äußerungen von Eugen Loderer erkennen lassen. Sie wissen nur noch nicht, wie sie die Geister, die sie riefen, wieder bannen sollen. Schließlich müssen sie irgendwie durch die Urabstimmung kommen. Michael Jungblut