Von Gabriel Laub

Die Romane, die das Leben von Jerzy Kosinski geschrieben hat – er hat sie auch zum Teil in seinen früheren Büchern niedergeschrieben –, sind unglaublich, aber wahr;

Als Sechs- oder Siebenjähriger wurde er im Kriege von seinen Eltern getrennt (er gehört zum Jahrgang 1933), zog allein durch die Dörfer des besetzten Polen, seiner schwarzen Haare und seines dunklen Teints wegen dauernd verdächtigt, Jude oder Zigeuner zu sein. Mit neun verlor er durch einen Schock die Sprache und gewann sie wieder durch einen Schock, als er vierzehn war. Er holte schnell und glänzend die Schulbildung nach, wurde exzellenter Student und Doktorand.

Als Zweiundzwanzigjähriger dachte sich Jerzy Kosinski einen raffinierten und komplizierten Plan aus, um seine sozialistische Heimat verlassen zu können, und führte ihn im Einzelkampf gegen die gesamte Bürokratie Volkspolens durch: Er erfand vier Akademiemitglieder, stattete sie mit Funktionen, Briefkopfpapieren und Stempeln aus und führte in ihrem Namen jahrelang Korrespondenz mit Behörden, ja sogar mit dem Zentralkomitee der Partei – bis diese nichtexistenten Protektoren erreichten, daß er mit einem nichtexistenten Stipendium nach Amerika reisen durfte. So landete er am 20. Dezember 1957 in New York – mit zwei Dollar und achtzig Cent in der Tasche (das war selbst in den besseren Zeiten des Dollars nicht sehr viel) und wurde: ein berühmter amerikanischer Schriftsteller, Professor für englische Literatur und (zeitweilig) Präsident des amerikanischen PEN-Zentrums.

Diese groteske und grausame Köpenickiade – beim Reinfall drohten fünfzehn Jahre Gefängnis – erlebt in allen Details auch Tarden, der Held des neuesten Romans von –

Jerzy Kosinski: "Cockpit", Roman, aus dem Amerikanischen von Tommy Jacobsen; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1978; 320 S., 29,80 DM.

Man liest die Geschichte als bissige Satire auf die totale Bürokratie, macht sich somit keine Gedanken über ihre Wahrscheinlichkeit, übersieht großzügig, daß einzelne Kleinigkeiten nicht stimmen, was schließlich auch der Zeitabstand oder der Übersetzer verursachen konnten – und dann erfährt man aus der Biographie des Autors, daß es eine Episode aus seinem Leben ist! Trotz seiner Warnung am Anfang des Buches, daß "jede Ähnlichkeit mit Personen oder Ereignissen der Gegenwart oder Vergangenheit rein zufällig und vom Verfasser nicht beabsichtigt" ist.