Hamburg

Vom 1. Januar 1979 an wird der Hamburger Senat eine "Leitstelle für die Verwirklichung der Gleichstellung der Frau" haben. Und die "Leiterin der Leitstelle für die Verwirklichung der Gleichstellung der Frau" wird Eva Rühmkorf sein, 43 Jahre alt, Diplompsychologin und zuvor Chefin der Jugendstrafanstalt Vierlande.

Sie hat den Namen ihres neuen Amtes bestimmt nicht erfunden. Er muß Ausfluß der Umständlichkeit von Bürokraten und der Supervorsicht von Politikern sein, bei den ersten, noch unsicheren Gehversuchen auf Neuland ja niemandem auf die Füße zu treten. Reizwörter, die empfindliche Seelen an "Geschlechterkampf" denken lassen könnten, waren zu vermeiden, Rücksicht war zu nehmen auf die etablierten Verwaltungshierarchien. Nicht feministische Proggrammatik, sondern "verwaltungsmäßige Durchschlagskraft" erhofft sich Bürgermeister Hans-Ulrich Klose von der unaussprechlichen Stelle.

Man sieht, das Unternehmen Gleichberechtigung mit Sitz in der Senatskanzlei kann leicht zum Eiertanz auf dem Glatteis werden. Wenn Frau Rühmkorf ausrutscht, ist es nicht ihre Schuld. Sie sagt: "Es ist ein kleines Amt, gestützt auf politische Absichtserklärungen, daß es ein kompetentes Amt sei." Zuversichtlich stimmt sie, daß 30 Jahre nach dem Inkrafttreten des, Grundgesetzes, das ja bekanntlich fordert, niemanden auf Grund seines Geschlechts zu diskriminieren, die Wachsamkeit für den Widerspruch zwischen Verfassung und Verfassungswirklichkeit wächst – der neue Job ist ihr Beweis dafür. Vertrauen in die guten Absichten des Senats flößt ihr auch die Tatsache ein, daß sie nicht als Einzelkämpferin engagiert wurde. Die künftige Senatsdirektorin wird sechs Mitarbeiter/innen haben und politisches Gewicht durch die Zuordnung zum Amt des Ersten Bürgermeisters gewinnen.

Ihr Aufgabenkatalog ist lang, aber noch reichlich abstrakt ("Prüfung von Vorhaben und Programmen des Senats, Prüfung von Gesetz zes- und Verordnungsvorhaben des Bundes, Erarbeitung von Anregungen und Vorschlägen, Erfassung von relevanten Daten und Tatbeständen, Öffentlichkeitsarbeit" und so weiter), ihr Recht, zeitig informiert und gehört zu werden, gesichert.

Das wird manchem lästiger Sand im Getriebe sein. Zum Glück hat Eva-Marie Rühmkorf durch Berufserfahrung, noch dazu in typischen Männer-(weil Spitzenpositionen "ein gewisses Selbstbewußtsein" entwickelt. Die eher leise, aber sehr bestimmte, lebhafte (und ungeheuer sympathische) Frau, zu deren Vorbildern Clara Zetkin und Simone de Beauvoir gehören, will, sich hauptsächlich um die Schwierigkeiten berufstätiger Frauen kümmern, für Teilzeitarbeit für Frauen und Männer werben und die Öffnung von "Männerberufen" für Frauen betreiben. Besonders wichtig ist ihr, sich um Frauen zu kümmern, "die sich nicht artikulieren und organisieren können". In der Strafanstalt hat sie erfahren, "wie bedrückend die Sprachlosigkeit der Mütter, Frauen und Freundinnen der jugendlichen Strafgefangenen ist. Mir ist klar geworden, wie extrem unterprivilegiert Arbeiterfrauen, Unterschichtfrauen sind."

Als ihre Aufgabe würde es Eva-Marie Rühmkorf auch betrachten, gegen einen Arzt wie zum Beispiel den Chef der Gynäkologie im Hamburger St.-Georg-Krankenhaus vorzugehen. Er hat vor einigen Wochen in einem Interview auf die Frage, warum er eine besonders schmerzhafte Methode der Abtreibung praktiziere, geantwortet: "Eine Abtreibung sollte man deutlich vom Zähneputzen unterscheiden. Müssen denn die Frauen nicht merken, wenn wir ihnen unten den Schmutz wegmachen

Feministische Forderungen, ja sogar die der FDP, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu verwirklichen, gehen viel weiter als das, was der Hamburger Senat jetzt tut. Sie wollen ein Antidiskriminierungsgesetz und Kommissionen mit handfesten Kompetenzen nach englischen und amerikanischem Vorbild. Eva-Marie Rühmkorf ist noch skeptisch, ob wir ein neues Gesetz brauchen. "In Hamburg versuchen wir es erst einmal mit einer Antidiskriminierungspraxis. Ich weiß allerdings nicht, ob wir es verwirklichen können." Doch einen Versuch ist es ihr wert, mit Hilfe ihres neuen Amtes "eine sozial benachteiligte Mehrheit zur Wahrnehmung ihrer Rechte zu ermutigen". Sie scheint die geeignete Frau dazu zu sein. Margrit Gerste